Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892480
Buch. 
Einundzwanzigstes 
günstiger lagen. Das Zeitalter Abälards schien auf dem Wege, eine so starke 
Erschütterung des Geistes herbeizuführen, dass daraus sich neuc und ungeahnte 
Perspectiven ergeben konnten. Aber die grosse Scholastik verblühte, indem 
sie dem 15. Jahrhundert wol ihre blormen, aber nicht mehr ihren Geist 
binterliess. Mit, dem Verlust der politischen Freiheit seit dem 14. Jahrhundert 
stellte sich in Frankreich eine retrograde Bewegung ein, welche der centrali- 
sirenden Politik seiner Könige zu gute kam, aber den Geist tödtete, welcher 
die Renaissance hätte gebären können. Umsonst hatte Abälard gebetet: 
,u finibzes terrae ad te clumavi, (Zum anxiaretur cor meumf Jener Schlag eines 
bewegten Herzens, aus Welchem die grosse That einer neuen Culturepoche 
hervorgeht, kam den Franzosen des 14. Jahrhunderts abhanden; die Erbschaft 
liel Italien zu. 
Seine Ent- Eugene Müntz hat in seinem monumentalen Werke über die Renais- 
 sance (I 203) die classische Tradition, das Eindringen des Realismus, die Lehr- 
mittel u11d die Lehrmethode der italienischen Künstler-Welt als constitutive 
Elemente der Bewegung in den Vordergrund gestellt. Gebharts werthvolle 
Untersuchungen wollen vor allem das herausstellen, was er die Jformation 
de Vdme italiennä heisst (p. 227). Die Grundlage dieser psychischen Ver- 
anlagung erblickt er in dem auf die Realität der Dinge direct losgehenden 
Geist des italienischen Volkes (,sens träs juste des choses natuwellesf), welches weder 
in seinem intellectuellen noch politischen Leben der leeren Abstraction jemals 
Raum gegeben habe. Die germanische Welt hat sich von jeher, namentlich 
auch auf dem religiösen Gebiete, in erster Linie mit den Ideen befasst. Für 
den Italiener gewann frühzeitig alles feste, greifbare Gestalt. In der politischen 
Arena treten die Consuln und Podestä der Städte, die Volksversammlungen, 
bald die kleinen und grossen Despoten, in der kirchlichen Sphäre der Papst 
auf: alles reale Gewalten, keine Abstractionen. Die modernen Bedingungen des 
Handelsverkehrs treten uns zuerst hier entgegen. Das Pfandhaus, wie es 
Bernardino da Feltro in Perugia zuerst aufgebracht und später Savonarola in 
Florenz eingeführt hat; der Wechsel in seinen verschiedenen Formen; die Kunst 
der Buchführung, wie sie von den venezianischen und Florentiner Kaufleuten 
seit dem 13. Jahrhundert ausgebildet und lange Zeit in mustergiltiger Weise im 
päpstlichen Haushalt geübt wurde: alles das sind Erfindungen des italienischen 
Geistes nach der realsten Richtung des Lebens, der des Erwerbes. Es kamen 
die frühzeitig so mächtig entwickelten municipalen und politischen Interessen 
hinzu. Die kleinen, aber lebensfrohen und zielbewussten politischen Indi- 
vidualitäten, welche sich in den zahlreichen Republiken gegenüberstanden, 
weckten eine Reife politischen Urteils und patriotischer Gesinnung, die sich 
selbst dem zarteren Geschlechte mittheilte: S. Caterina da Siena bietet ein 
merkwürdiges Beispiel davon dar. Alle diese Verhältnisse bedingten ein 
kräftiges Ausleben der Leidenschaften, namentlich der-Sinnlichkeit, wie es 
uns schon Dante in zahlreichen seiner Episoden schildert. Fallen hier schon 
starke Schlagschatten auf das sittliche Leben der Nation, so sind doch die 
Elemente des dramatischen Lebens gegeben, ohne welche eine grosse Kunst 
nicht zu bestehen vermag. Das Virtuosenthum mit seiner Ausbildung des 
heroischen Mannweibes  der Virago crudelrissima e di gran (mimo  wie 
sie uns Ginevra Bentivoglio und Oaterina Sforza darstellen, vollendet die 
Seele der Renaissance, welcher Grössen- und Ruhmsucht, Einfluss der 
Frauen, Freude an Geselligkeit und an heiterm Festleben ihre äussere Ab- 
rundung gibt.
        

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