Volltext: Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit (Bd. 2, Abth. 2, Hälfte 1)

gewesen sein muss; beschäftigte ihn ja gerade Florenz trotz seiner ausge- 
sprochenen Feindschaft gegen Siena. Aber weder sein Altarblatt in S. Maria 
Novella, noch das wunderthätige Madonnenbild, das er 1292 in Orsanmichele 
an einen Pfeiler gemalt, hat sich erhalten. Nur von dem für die Francis- 
caner von S. Croce geschaffenen Hochaltarbild, welches der Meister mit 
seinem Namen bezeichnete, haben sich, nach England gerettet, Theile er- 
halten: einige andere Bilder werden ihm von Crowe und Cavalcaselle mit 
Wahrscheinlichkeit zugeschrieben. WVann er gestorben, ist unsicher: Vasarfs 
Angabe auf 1349 ist gewiss falsch. Sicher ist, dass aus seinen Werken eine 
grosse Verwandtschaft mit Duccio spricht; die Gebärden seiner Gestalten sind 
nur heftiger, die Aifecte übertriebener als bei Jenem. 
Mit Duccio di Buoninsegna haben wir den eigentlichen Patriarchen 
der sienesischen Schule genannt. Er erscheint in Florenz urkundlich zwischen 
1285-1291, seit 1802 malt er im Palazzo pubblico zu Siena, 1308 ward ihm 
der Auftrag, das Hochaltarbild für den Dom zu malen. Am 9. Juni 1310 
ward diese wichtigste Schöpfung der Sieneser Schule unter unsaglichem Jubel 
der ganzen Bevölkerung aus des Meisters Werkstatt vor dem Thore a Stalloreggi 
an ihren neuen Bestimmungsort übertragen, wo ihr die für den Sieg bei 
Montaperti gefeierte ,grossäugige Madonna] den Platz abtreten musste. Die 
Vorderseite zeigte die thronende Madonna (die sogen. Maiestas), inmitten von 
Engeln und Heiligen, die Predella die Apostel; die Rückwand (Fig. 35) schilderte 
auf 26 Feldern die Hauptscenen aus der Leidensgeschichte Christi, an der 
Predella 18 Vorgänge aus dem Leben des Herrn. Unter Pandolfo Petrucci 
(1506-1507) wurde das Gemälde in der Mitte getheilt: die Maiestas kam 
an eines der Enden des Querschiffes, die Rückseite an das entgegengesetzte 
Ende der Transeptes, die Predellenbilder wanderten in die Sacristei; neuestens 
ist das Ganze, wie es heisst, in der Opera del Duomo vereinigt. Von Duccids 
weiterer Thatigkeit zeugen einige Tafelbilder zu London, Florenz, besonders 
das herrliche Werk zu Berlinl; seit dem Jahre 1320 wissen wir nichts mehr 
von ihm. 
,Bei Anordnung der Hauptgruppe seines Dombildes, in der überragenden 
Statue der thronenden Himmelskönigin mit dem dreifachen Kranze von Engeln 
und Heiligen, bewahrte Duccio die einmal für kanonisch geltende Compositions- 
form; aber in der regelmässigen Gestalt und den wohlgefälligen Körperver- 
haltnissen seiner Madonna überholt er bereits die Leistungen seiner Vorgänger. 
Der Faltenwurf des Mantels ist einfach und geschmackvoll, die Art, wie sie 
das Kind trägt, leicht und anmuthend, das Christusgesicht selbst regelmässig, 
weich und wohlgenahrt, die Stirn stark, die Locken geringelt, die Gebärde des 
Knaben von natürlicher Kindlichkeit. Der kleine Mund und der Blick sind 
frei von dem erschreckenden oder starren Ausdruck früherer sienesischer Ge- 
niälde, und die Gruppe hat überhaupt trotz ihres officiellen Prädicat-s weit 
mehr Anmuth als majestätische Feierlichkeit; hierin prägt sich gleich bei den 
ersten Anfängen dieser Schule ihr vorwiegendei" Charakter aus. Daneben hat 
Duccio bei den Gestalten des Petrus und Paulus die muskulösen Formen, die 
verhältnissmässig starken Köpfe, die runden Augen voll strenger WVürde, die 
scharf gezeichneten Züge, das volle gewundene Haupt- und Barthaar herüber- 
' Bonn Jahrb. d. kgl. preuss. Kunstsamml. 
1.  Vgl. EMIL BRAUN Lax passione di Gesü 
Cristo nella Cattedr. di Siena, (lipintum di 
Duccio di Bino dclla Buoninscgna, inc. da 
Bartoccini. Roma 1846, deutsch Lpz. 1848.  
Dazu SCHNAASE Gesch. d. bild. Künste VII 328.
	        
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