Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892466
Einundzwanzigstes 
Buch. 
Diese neoclassische Kunst wanderte dann über die Alpen, wo sie allerdings 
nicht eine weitere Entwicklung des Rinascimento, sondern die Unterwerfung 
der nationalen Stile unter ein fremdes Princip bedeutete. Die Nichtunter- 
Scheidung der über die Alpen importirten, uns gewissermassen durch äussere 
Verhältnisse aufoctroyirten Renaissance und des italienischen Rinascimento, wie 
es sich seit dem Ende des Trecento, im Quattrocento und im wesentlichen 
bis 1520 als specitische Volkskunst Italiens darstellt, ist die Hauptquelle des 
Missverständnisses gewesen, welches die wahre Natur der Renaissance ver- 
kennen, ihr Verhältniss zum Uhristenthum in einem ganz falschen Lichte 
erscheinen und ihre historische Berechtigung wie ihre Bedeutung für die ganze 
Entwicklung der Menschheit unterschätzen liess. 
Zu Ausgang des 15. Jahrhunderts hat einer der führenden Geister des 
Humanismus, den Pico della Mirandola die ,lebende Bibliothek genannt hat, 
Ziel und Wesen der Bewegung dahin definirt: sie gehe aus auf Aneignung 
wahrer Cultur des Geistes. Zum erstenmal wird in solchem Sinne 
das Wort Cultur von Filippo Beroaldo (1453-1505) gebrauchtl. ,C'ultur 
des Geistesß sagt er, ,ist die Abkehr von allem Gemeinen, die Hinneigung zu 
jedem Guten und die Erwählung des Besten und Edelsten. Diese Geistes- 
cultur schliesst die Piiege aller edlen Künste und Wissenschaften in sich, sie 
ist sozusagen identisch mit der Eloquenz, d. i. der höchsten Ausbildung politischer 
Tugend, durch die der Staat geleitet wird." Mit diesen Worten meint Beroaldo 
offenbar nichts anderes als die Herausbildung der Individualität nach allen 
Seiten ihrer Leistungsfähigkeit und die Herausbildung des Staates zum Kunst- 
werk; beides sind essentielle Elemente der Renaissance. 
Plato hat im ,Symposion' den Zusammenhang der Betrachtung und Liebe 
zum Schönen mit dem Idealen und Guten aufgewiesen 2. Diesen Zusammen- 
hang in der schönen Form, im Kunstwerk zu versinnlichen, war das Ziel des 
hellenischen Geistes; obgleich jeder andern Nation an ästhetischem Gefühl 
und an Gestaltungsvermögen überlegen, gelang ihm die volle Verwirklichung 
dieses Programmes nicht, weil der antike Mensch das sittliche Ideal ohne 
das Licht des Christenthums in sich nicht zur vollen Reinheit und Höhe 
entwickeln, erfassen und bewahren konnte. Die christliche Kunst nahm 
den abgebrochenen Faden langsam wieder auf; die Renaissance bezeichnet 
den mächtigsten Versuch, den ihr nach dieser Richtung zu unternehmen ge- 
stattet war: was Plato's Ahnung vorweggenommen, ward das Programm der 
echten und edlen Renaissance von Giotto herab bis zu Raffaels Tode. Es 
war in Wirklichkeit eine Vita. Nuova der Menschheit. 
waren doch die dominirende Note und ge- 
wissermassen die raison uPätre der Renais- 
sance, welchen Ausdruck man darum nicht 
auf den Naturalismus der Niederländer aus- 
dehnen sollte, denen die von dem classischen 
Alterthum untrennbaren geistigen Tendenzen 
fehlten. Das Studium der Natur und des 
Alterthlnns haben zusammen in den grossen 
Schulen des 15. und 16. Jahrhunderts die 
Allianz der Schönheit und des Lebens be- 
wirkt. Bacon nannte die Kunst „hom0 ad- 
ditus naturae"  könnte man nicht die Re- 
naissance das Alterthum der Natur hinzu- 
gefügt nennen   Aber wnrin uuterschiede 
sich dann die Renaissance von dem Alter- 
thum selbst, dem doch das Studium der Natur 
nicht gefehlt hat? 
l BEROALDI Orationcs et Carmina. Impr. 
Bononiae 1502, 4o-fol. DII: ßultura vero 
animi est peioribus repudiatis: meliora sec- 
tari, et id quod optirnum est potissimum ca- 
pescere. Cultura zmimi est ingenuas disci- 
plinas amplexari. Cultura autem est ipsn 
eloquentia, quae una est de summis virtuti- 
bus, quae sacra ac venerabilis, quae rermn 
publicarum gubernatrix praeclara esse fertur, 
quam M. Tullius primam arten] appellatf 
2 PLATON. Sympos.
        

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