Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1886507
Drittes 
Aber lange bevor Le Blants scharfsinnige Beobachtungen veröffentlicht 
wurden, war der Versuch gemacht worden, die ganze Grundlage der bis- 
herigen traditionellen Erklärung unserer altchristlichen Bildwerke zu er- 
schüttern. Dieser Versuch war von einem Landsmanne des französischen 
Epigraphikers, dem durch vorzügliche Arbeiten auf dem Gebiete der profanen 
Archäologie hochangesehenen Forscher Raoul R0 chette (1789-1854), unter- 
nommen worden1. 
Theorie Rochette geht bei seiner Untersuchung von der Beobachtung aus, dass 
Rliochctwsdie ungefähr gleichzeitigen, aber ihrer Absicht und ihrem Sinn nach so ver- 
schiedenen Productionen heidnischer und christlicher Kunst dieselbe allgemeine 
Disposition, den nämlichen Geschmack in der Decoration, dieselbe Auswahl 
von Ornamenten und Symbolen zeigen,  er konnte sich dafür bereits auf 
das Zeugniss Bottarfsz berufen. Er sah weiter einen Theil der in den Kata- 
komben aufstossenden Sujets der heidnischen Kunst beinahe ohne jede Ver- 
änderung in der Coniposition, im Costüm dem neuen Cultus und seinen Vor- 
stellungen angepasst. Betritt man diese unterirdische Gräberwelt, so fühlt 
man sich zunächst noch ganz auf dem Boden des Alterthums. Wie die früheste 
Bildung, die Philosophie, die Poesie des Christenthums sich nur in den dem 
 profanen Alterthum entlehnten Formen entwickeln konnten, so mussten auch 
die frühesten Denkmäler christlicher Kunst zunächst in allem, was die ,Mache', 
das Handwerkliche und die Art der Darstellung anlangte, die heidnische Schule 
verrathen. Aber auch der Ausdruck, die Wiedergabe der positiv christlichen 
Sujets entspricht im allgemeinen ganz dem im Heidenthum Gegebenen, ist 
nichts anderes als eine Nachbildung der von letzterm geschaffenen Typen. 
Das zeigt sich selbst im Detail der Composition und des Costüms bei den 
biblischen Scenen, die am häufigsten wiederkehren. Der Hauptunterschied 
liegt in der relativ geringeren Begabung der christlichen Künstler gegenüber 
den heidnischen. Rochette leitet diese angebliche Inferiorität daher ab, dass 
die Christen durch die Verhältnisse genöthigt waren, sich der ersten besten 
Kräfte, welche sie fanden, zu bedienen; dass sie ihre Arbeiten in der Dunkel- 
heit der Katakomben fertigen und verbergen mussten,  nebenbei gesagt, 
eine ganz unzutreffende Begründung; denn die weitaus grösste Zahl der 
Sarkophagreliefs entstand im 4. und 5. Jahrhundert, wo die Christen nicht 
mehr Anlass hatten, sich und das Werk ihrer Hände zu verstecken, und wo 
ihnen jedenfalls ebenso tüchtige Bildhauer zur Verfügung standen wie dem 
den Todeskampf kämpfenden und an innerlicher Ohnmacht hinsterbenden 
Heidenthum. Diese Inferiorität, meint Rochette weiter, trete namentlich bei 
den dem Evangelium entnommenen Sujets hervor, für welche die christlichen 
Künstler in der antiken Kunst keine Vorbilder fanden und wo sie sich also 
ihrer eigenen ärmlichen Erfindungsgabe überlassen sahen, derart, dass die 
meisten beabsichtigten Scenen oft mehr nur angedeutet als wirklich vorgestellt 
und künstlerisch ausgeführt sind. Gilt das für den Kern der frühesten Kunst 
der Christen, für die Invention und die Anordnung der Hauptscenen, so gilt 
es in noch viel höherm Grade von dem Detail, hinsichtlich dessen man die 
sklavische Nachahmung der heidnischen Kunst noch viel weiter trieb. S0 
1 R. ROGHETTE Discours sur les types 
imitatifs qui constitucnt Part du christia- 
nisme. Paris 1834; Tableau des catacombes. 
Paris 1837; und besonders: Trois mämoires 
sur les antiquitäs chrötiennes des catacombes 
(Mäm. de l'Acad. des Inscr. etc). Paris 
1838-1839. 
2 Bourmm Pitture e sculture III 4.
        

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