Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1886384
Drittes 
antiken Welt seit Jahrhunderten lebenden Vorstellungen über den Wertli der 
Kunst und die künstlerische Ausstattung alles dessen, was den Menschen 
umgab, zu verzichten. Die Zeitgenossen des Augustus und Nero waren nicht 
Menschen, welche man erst an die Kunst gewöhnen musste. Das den Griechen 
selbstverständliche Kunstbedürfniss hatte auch längst die Römer ergriffen. 
Tempel, Haus und Grab, alle öffentlichen und Privatgebäude, Schmuck und 
Kleidung, Leben und Tod dieser griechisch-römischen Gesellschaft waren in 
allen ihren Erscheinungen mit den Vorstellungen der Kunst verwachsen. 
Welchen Grund hätte der Grieche oder Römer haben können, mit dem Wasser 
der Taufe alle diese Anschauungen, Gewohnheiten und Bedürfnisse abzulegen? 
Die reformatorische Theologie des 16. Jahrhunderts hatte sich den Kunsthass 
der alten Christen aus dogmatischen Gründen construirt. Lehrten die Refor- 
matoren, dass durch die Erbsünde das Ebenbild Gottes im Menschen völlig 
zerstört und aufgehoben worden, dass demnach keinerlei Anlage (mdoles) zum 
Guten und Göttlichen in dem gefallenen Menschen zurückgeblieben war, so 
erscheint es als eine durchaus selbstverständliche Consequenz, dass die Aeusse- 
rungen des Geistes nach der philosophischen und ästhetischen Seite als etwas 
Gott Missfälliges, Sündhaftes oder gar Teuflisches bezeichnet wurden. In den 
Augen dieser Theologie konnte es weder eine Vernunftwissenschaft noch eine 
Kunst geben. Es gab glücklicherweise, auch bei Luther und Calvin, In- 
consequenzen, bei welchen der gesunde Menschenverstand über die Forderungen 
dieser Theologie siegte. 
Principielle Die Lehre der alten Kirche über den Urzustand des Menschen, über den 
älällgziir Sündenfall und dessen Folgen konnte niemals zu ähnlichen Vorstellungen 
bildenden führen. Wol lehrt die Kirche, dass die Erbsünde das Ebenbild des Schöpfers 
Kunst" in der Creatur geschädigt und verdunkelt habe; sie hielt aber andererseits stets 
daran fest, dass auch dem Gefallenen die Anlage zum Guten und zum Gött- 
lichen geblieben und Gottes Ebenbild im Menschengeiste keineswegs völlig 
zerstört worden sei. Die Ausbildung derselben in Kunst und Wissenschaft 
hatte darum ihren Platz im Rahmen des kirchlichen Dogmas. Was die Natur 
Gutes und Edles in dem Herzen des Menschen bietet, was sie Glänzendes und 
Ideales in seinen Geist hineingelegt hat, das braucht nicht im Namen des 
christlichen Gesetzes niedergedrückt, verkümmert, geschwächt zu werden. Der 
Satz des grossen scholastischen Lehrers, dass die Gnade die Natur nicht auf- 
hebe, sondern erhöhe und vollende (gratia non destruit natuiram, serl elevat 
et perficit), ist die Ueberzeugung der gesammten alten Kirche und diejenige 
des Katholicismus bis auf den heutigen Tag. Das ist der eigentliche und 
tiefste Grund, weshalb der Katholicismus auch ein positives Verhältniss zur 
bildenden Kunst haben kann, was dem Protestantismus, solange er der alte 
symbolgläubige blieb, nicht möglich war; erst dem durch Lessing begründeten, 
die Fesseln der symbolgläubigen Theologie des 16. Jahrhunderts zersprengenden 
modernen Protestantismus war es gegeben, das ,christliche Kunstwerk als 
etwas aus dem christlichen Geiste nothwendig Hervorgehendes' zu erkennen 1. 
Der moderne Protestantismus hat sich damit, ohne es zu wollen, der katho- 
lischen Auffassung ebenso genähert wie darin, dass er fast in all seinen 
Wissenschaftlichen Vertretern die Solafideslehre seiner Begründer verlassen hat. 
1 So OTTE Handb. d. kirchl. Kunst-arch. 
I 3. Einen seltsamen Beweis confessioneller 
Voreingenommenheit hat freilich noch TOELKEN 
in seinem Vortrag ,Ueber den protestantischen 
Geist aller wahren Kunsif (Berl. 1839) ge- 
geben.
        

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