Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1891725
Neuntes 
tail), hängt sozusagen über einem kleinen, zusammengekniffenen Mund. Das 
vorstehende, eckige Kinn deutet auf einen mürrischen und zankisehen Cha- 
rakter. Aeltere Personen werden, ohne Zweifel absichtlich, zur Betonung 
einer streng ascetischen Lebensweise in übertriebener Magerkeit dargestelltf 
Dieser im allgemeinen unveränderliche, stereotype Typ hat allerdings 
manche localen Einflüsse über sich müssen ergehen lassen; er unterlag auch 
nicht selten sehr eigenthümlichen Invasionen eines keineswegs gesunden Na- 
turalismus  Erscheinungen, die einerseits zu dem Verfall der Kunst mächtig 
beitrugen, andererseits in ihrer Gesammtheit doch die tiefe Kluft bezeichnen, 
welche den eigentlichen Byzantinismus von der antiken und altchristlichen 
Kunst trennt. 
Von diesem Verfall, wie er sich bereits zu Ende des 11. Jahrhunderts 
einstellte, gibt der für den Kaiser Nikephoros Botoniates (1078-1081) ge- 
schriebene Pariser Chrysostomus Zeugniss. Man kann nur mit Leidwesen 
auf diese ausgestopften Puppen sehen, welche den in übernienschlicher Grössc 
dargestellten Alleinherrscher umgeben (vgl. Fig. 452). 
Immerhin offenbart sich auch in diesen Typen noch eine doppelte Ilich- 
tung der Geister. Die Gestalten der Krieger, die dem Leben entnommen 
sind, erscheinen freier und frischer behandelt: in ihnen offenbart sich der 
letzte Rest antiker Naehklänge. Die Heiligenfiguren sind durch die von der 
Kirche geübte Aufsicht hieratisch fester gestellt, gebunden: sie müssen, wohl 
oder übel, das ascetische Ideal des damaligen Mönchthums widerspiegeln. 
Eine Reihe von Illustrationen, wie die der Klimax (der geistlichen Leiter) 
des Joh. Olimacus, sind durch ihre ausgesprochene Neigung zur Allegorie und 
Personiiication bemerkenswerthl; in fast allen ist die Ornamentation der 
Initialen, Bordüren überaus reich: hierhin rettet sich das Beste und Köst- 
lichste, was die Phantasie dieser Jahrhunderte noch besitzt und was in der 
hieratischen Malerei keine Aussprache mehr finden darf 2. 
Weniger bedeutend sind die Leistungen dieser Epoche auf dem Gebiete 
der Architektur. Auch hier waltet die decorative Richtung vor. Das 
Glänzendste, was die profane Baukunst jetzt aufzuweisen hatte, war der U1n- 
bau und die innere Decoration des von Constantin erbauten, von Justinian 
erweiterten kaiserlichen Palastes. Theophilus, der letzte der bilderstürmenden 
Kaiser, dann Basilius der Macedonier schufen dieses Palatium zu einem Ge- 
bäude um, dessen von Gold und kostbaren Steinen schimmernde Innenräume 
uns in den Beschreibungen des 10. Jahrhunderts wie ein Traum aus Tausend 
und eine Nacht anmuthen. Gleichwol verliessen die Kaiser später diesen 
Palast, um sich in den Blachernen eine neue, gegen Strassenmeuter besser 
gesicherte Residenz zu erbauen. Benjamin von Tudela, der 1173 in Con- 
stantinopel verweilte, hat uns auch von diesem neuen Palatium eine Schil- 
derung hinterlassen. Ein dritter Palast wird unter der Bezeichnung Bryos 
als Schöpfung des Kaisers Theophilos erwähnt, der hier die Einwirkungen 
syrisch-arabischer Architektur platzgreifen liess. 
Die kirchliche Baukunst verzichtete in dieser Zeit sozusagen ganz- 
lich auf die Verwendung des basilikalen Schemas des Abendlandes. Man 
1 KONDAKOFF II 132 f. 
2 Für diesen ganzen Gegenstand wie ins- 
besondere für die in Paris bewahrten Hand- 
schriften mit byzantinischen Miniaturen muss 
jetzt verwiesen werden auf HENRI Bonnnan 
Desoription des peintures et autres orna- 
ments contenus daxis les manuscripts grecs 
de 1a Bibliotheqxle Nationale. Paris 1883.
        

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