Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1891607
Neuntes 
Buch. 
'I'cxtilc 
Kunst. 
Energie, die kein Opfer und keine Anstrengung scheuende Hingabe, mit der 
er unter den grössten Schwierigkeiten diese Emails im Kaukasus und dem 
fernsten Osten zusammenbrachte, und nicht minder durch die glanzvolle 
Publication derselben den Ruhm eines Kunstmacens von feinstem Verständ- 
niss und seltener Opferwilligkeit gewonnen1. Das Medaillon mit dem Brust- 
bild des Herrn kann als die merkwürdigste und im Detail feinste Wieder- 
gabe des byzantinischen Ghristustypus angesprochen werden. ,Es hält die 
Mitte zwischen dem altern Typus, der bis zum 9. Jahrhundert der herr- 
schende war, und dem der Mosaiken des 11.-12. Jahrhunderts, welch 
letztere die dichten, blonden Haare wiedergeben, von denen Johannes Da- 
mascenus und Nicephorus Callisti sprechen. Hier sehen wir die Haare des 
Herrn in Anlehnung an den antiken Schönheitstypus, der dunkle kastanien- 
braune Haare verlangt, und, den Regeln der Emaillirkunst der bessern Zeit 
entsprechend, fast schwarz; ebenso auch die Haare der übrigen männlichen 
Figuren. Die einzigen angenommenen Züge sind die welligen Haarcontourcn 
und der Scheitel in der Mitte. Auch der auf heiligen Typen im 10. und 
11. Jahrhundert vorhandene dünne Haarbüschel, der auf die Stirne fallt, ist 
auf dem Bilde Christi bewahrt. Der Tradition gemäss ist der Bart kurz und 
getheilt. Das Gesichtsoval, das einen reinern byzantinischen Typus als sici- 
lianische Mosaiken zeigt, ist weniger länglich und in den Oontouren weniger 
scharf. Das Haupt ruht auf breitem, antik-mächtigem Halse, der bei wohl- 
gebildeter Büste und schmalen Schultern besonders anmuthig wirktf Was 
die Technik dieses wie der übrigen Medaillons der Sammlung betrifft, so be- 
merkt Kondakoif weiter, dass selbst die genaueste Zeichnung nicht im standc 
wäre, die ungewöhnliche Feinheit der Goldcloisons wiederzugeben, die den 
Hauptreiz der Emailmalerei bilden. ,WVie dünnes Spinnengewebe nimmt 
sich die überaus feine Schraffirung aus, welche die Zeichnung weder bunt 
macht, noch sie zerstückelt. Durch den Glanz einer zarten, matten Beleuch- 
tung belebt sie die tiefen Töne, und darin eben besteht die Bedeutung der 
Lichter im eigentlichen Sinnf ,Das bemerkenswerth Warme, rosig angehauchte 
Incarnat des Erlösers ist mit schwach durchsichtigem Email ausgeführt und 
ergibt blassere Töne in der Mitte und einige dichtere zum Rande hin, wo- 
durch eine gewisse Modellirung erzielt wird. Das Incarnat dieses Medaillons 
steht den Arbeiten der alten Kölner Schule am nächsten." 
Auch in einem andern Zweige der Kunstindustrie hat Constantinopcl jetzt 
die höchsten Erfolge aufzuweisen. Schon in den älteren Jahrhunderten der 
byzantinischen Kunst hatte sich namentlich seit der Einführung der Cultur 
des Seidenwurms in den Provinzen des Reiches die Fabrication gewirkter 
kostbarer Stoffe eingestellt, die nunmehr ihre Blütezeit erlebte 2. In der 
 
1 Herr Staatsrath v. Swenigorodskoi hat 
seine Sammlung zuerst durch den leider früh 
verstorbenen Jos. SCHULZ (Der byzantinische 
Zellenschmelz. Frankf. a. M. 1890) beschrei- 
ben lassen, dann aber den Kunstfreunden 
dieselbe in der mit fürstlicher Pracht aus- 
gestatteten Publication vorgelegt, welche 
unter dem Titel Byzantinische Zellen-Emails 
der Sammlung A. W. Swenigorodskof mit 
einem Texte N. Kommxorrs (Geschichte und 
Denkmäler des byzant. Emails) Frankf. 1889 
bis 1892 gedruckt wurde. Der Illustrations- 
apparat und die typographische Ausstattung 
machen, auch abgesehen von dem Inhalt und 
dem höchst werthvollen Texte Kondakoffs, 
das Werk zu einer der glänzendsten Erschei- 
nungen des 19. Jahrhunderts. 
2 Vgl. LABARTE l. c. I 5' 415 s. ÜAIIIER 
et MARTIN in ,Melanges d'areheol0gie' und 
,Nouv. Melangesi RIEGL Textilkunst (in 
Buornms Gesch. d. techn. Künste III [Lpz.1893] 
358 f). DE FAncäfs grosses Werk ,La broderie 
du XIe siecle jusqufä nos joursß (Angel-s 1890) 
bietet nur wenig Byzantinisches.
        

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