Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1891469
Neuntes Buch. 
kirche, die höchste Leistung des ä-usserlich mächtigen, von der Hand des 
Imperators mit Gold überfüllten Christenthums, aber eines Christenthums, das 
an dieser eigenen Herrlichkeit zu Grunde ging. Die Kuppel der Hagia Sophia 
hat die Idealität des christlichen Princips in Gonstantinopel erdrückt; die Nation, 
die zu ihr aufschaute, verlor den Weg der Nachfolge Christi, während (las 
Abendland in dem armen Kirchlein von Portiuncula neue Inspirationen go- 
wann, sich wieder sammelte und eine Wiedergeburt des religiösen Gedankens 
und der religiösen Kunst unternahm. 
Bei dem Bau wurden keine Ausgaben gescheut. Gold, Silber, Elfenbein, 
kostbare Marmorarten sind hier in einer Verschwendung verwendet worden 
wie bei keinem andern Werke der Erde. Die ungeheuern Summen, welche 
das kostete, mussten durch neue Steuern aufgebracht werden; die Solea allein 
verschlang die ägyptischen Einkünfte eines ganzen Jahres. Dazu kamen die 
Spolien antiker Bauwerke, zu deren Uebersendung nach Constantinopel die 
Behörden ausdrücklich eingeladen wurden. Aus Ephesus langten acht Säulen 
in Verdeantico an; eine römische Matrone Marcia übersandte aus einem Sonnen- 
tempel acht andere aus Porphyr; Athen, Kleinasien, die griechischen Inseln 
steuerten das Ihrige bei. Die Verschiedenheit der also zusammengebrachten 
Steinarten wurde durch ein ausserordentliches Geschick in der Anordnung 
derselben ausgeglichen. Als Architekten fungirten zwei Kleinasiaten, An- 
themius von Tralles und Isidor von Milet: auch ein Beweis für den Einliuss, 
welchen die syrische Schule auf Byzanz gewonnen hatte. Unter ihnen arbei- 
teten hundert Meister mit je hundert Arbeitern. Das Volk wusste später von 
einer Menge von wunderbaren Eingebungen zu berichten, die den Kaiser bei 
dem Baue leiteten: man sieht, wie das ungeheure Unternehmen die Phantasie 
der Menge gefangen nahm und auf weiteste Kreise wirkte. 
Das Aeussere der Sophienkirche macht weder einen einheitlichen noch 
einen besonders bestechenden Eindruck. Die Gesetzmässigkeit der Antike hat 
bereits angefangen, asiatischen Einflüssen Platz zu machen; die Behandlung 
der Aussenmauern, Fenster und Thüren kann nicht entfernt den Vergleich 
aushalten mit den Meisterwerken unserer abendländischen Architektur. Vor 
dem ganzen Gebäude liegt ein Atrium; ein doppelter, von neun Thoren durch- 
brochener Narthex gibt Einlass zum Innern. Von der am Ostende geordneten 
Apsis abgesehen, hat die Kirche, die Dicke der Mauern eingerechnet, 7 7 m 
Länge und 76,70 m Breite. Das Centrum des Baues bildet ein von vier 
mächtigen Pfeilern umfasstes mittleres Quadrat; die Bogen, welche diese 
Pfeiler verbinden, tragen ein Kranzgesimse, über welchem sich sofort das 
weite Gewölbe erhebt. Eine zwischen die Pfeiler gestellte zweistöckige Colon- 
nade schliesst an der N0rd- und Südseite diesen viereckigen Raum ab; über 
ihr ist eine von zwei Fensterreihen durchbrochene Schildwand angebracht. 
Die Ost- und Westseite dagegen, dem Altar und dem Haupteingang gegen- 
über, ölfnen sich in eine gewaltige Halbkugel, welche Paulus Silentiarius 
ausdrücklich als ,Concha' bezeichnet. Diese halbkreisförmigen Raume öffnen 
sich wieder, der eine nach der Apsis, der andere nach dem Narthex zu, und 
in beide schneiden wieder kleinere Anbauten ein, deren Halbkuppeln g'anz 
ähnlich wie die Hauptkuppel behandelt sind. Diese hat 31 m im Durchmesser; 
das hier angewandte Constructionssystem ist bereits oben (S. 361) besprochen 
worden. Aus der Umfassungsmauer treten an der Süd- und Nordseite je 
zwei Strebepfeiler in das Innere des Baues ein, wo sie mit-den Hauptpfeilern 
durch Rundbogen verbunden sind. Eine ähnliche Disposition wiederholt sich
        

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