Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1890537
Bildercyklen 
und sechsten 
des viertentbiiülftl 
Jahrhunderts 
Noch wichtiger wie die Rabulashandschrift ist der Codex Rossanen- Codex Ros- 
sis, eine auf 188 purpurgefärbten Pergamentblättern die Evangelien des sa"e"sls' 
hl. Matthaeus (bis 16, 14) und Marcus enthaltende griechische Handschrift, 
welche aus dem ehemaligen Basilianerkloster S. Maria zwischen Rossano 
und Corigliano in Calabrien stammt und jetzt in Rossano aufbewahrt wird, 
wo sich Stadt und Domkapitel um den Besitz streiten. Sie wurde der ge- 
lehrten Welt erst durch die Herren O. v. Gebhardt und Ad. Harnack 
bekannt, welche 1879 zufällig auf sie gestossen waren 1. Die mit Silber, 
stellenweise mit Gold aufgetragene Uncialschrift lässt auf das 6. Jahrhundert 
als Entstehungszeit der Handschrift schliessen; doch wäre der Ausgang des 
5. Jahrhunderts nicht ausgeschlossen. Jedenfalls ist der Codex Rossanensis 
das älteste uns erhaltene Bilderevangelium. Die Beschaffenheit des Textes 
weist auf die alexandrinische Revision hin. Auch aus anderen Gründen neigt 
KondakoH, gewiss mit Recht, sich der Annahme zu, dass Alexandrien bezw. 
das untere Aegypten die Heimat der Handschrift sei. Dieselbe bietet ausser 
den Titelblättern und 40 Prophetenbildern 17 biblisch-historische Scenen. 
Die Prophetenbilder sind überaus gleichförmig; die Gestalten sind auf eine 
Art von Kanzel oder Pult gestützt und geben abwechselnd bald die sogen. 
lateinische bald die griechische Benediction 2. David trägt einen braunen 
Bart, Salomon ist nur seine Copie; die Uebrigen sind bald bartlos, bald haben 
sie einen weissen Bart und braunes Haupthaar. Derselbe Prophet erscheint 
bald jung bald alt. In den historischen Scenen fehlt der landschaftliche 
Hintergrund gänzlich und wird einfach durch das Purpur des Pergamentes 
ersetzt. Der Contour ist scharf und bestimmt, die Carnation frisch und leb- 
haft, die Gebärden ausdrucksvoll, die Gestalten voll Bewegung und Leben, 
die Gewänder gut behandelt und älteren Vorbildern treulich abgesehen. Ein 
Räthsel ist, Woher der Zeichner seine Typen genommen. Die Composition, 
die Gruppirung, die Einzeltypen weichen völlig ab von allem, was man in 
den Katakomben, auf den Sarkophagen und Elfenbeinen, selbst auf den 
Mosaiken und den uns bisher bekannt gewordenen Miniaturen gesehen hat. 
Das römisch-abendländische Element liegt dem Künstler ganz fern, der Cl1a- 
rakter seiner gesammten Arbeit ist entschieden orientalisch, hier und da dem 
Rabulas, anderwärts den späteren byzantinischen Werken nahekommend. Das 
symbolisch-allegorische Element fehlt ganz, die Darstellungen sind im Gegen- 
theil von einem gewissen derben Realismus beherrscht, der in den Gestalten 
eines Pilatus und Barabbas besonders hervortritt. Der nähere, intimere An- 
schluss der Composition an die Liturgie der griechisch-alexandrinischen Kirche 
in der Karwoche scheint evident. Kondakoff mag recht haben, wenn er in 
dem Werke den Charakter der sich jetzt erhebenden Mönchskunst findet. 
Der Christus des Rossanensis ist allenthalben bärtig, mit langem Haupthaar, 
aber noch nicht greisenhaft und moros. Kondakoff stellt ihn zwischen den 
von S. Apollinare Nuovo und S. Cosma e Damiano. Es geschieht also hier 
1 Evangeliorum Codex Graecus purpureus 
Rossanensis. Seine Entdeckung u. s. w. 
dargestellt von O. v. GEBHARDT und ADOLF 
HARNACK. 40. Lpz.1880. Vgl. jetzt Komm- 
KOFF l. e. I 114 s. Die lächerliche Eifer- 
sucht der Localbehörden hat bisher alle von 
Garrucci, de Rossi und mir angestellten 
Versuche, eine photographische Nachbil- 
Krnus, Geschichte der christl. Kunst. I. 
dung der Miniaturen zu erlangen, zu ver- 
eiteln gewusst. Man kann diesen Auswuchs 
eines barbarischen Egoismus nicht stark genug 
brandmarlzen. 
2 Bekanntlich eine Distinction, die in 
nichts begründet ist. Meist ist der betreffende 
GGStUS auch gar nicht der des Segens, son- 
dern eine Art Bewillkomninung. 
30
        

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