Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1890480
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Sechstes Buch. 
belebt, dramatisch, der Anschluss an die Antike bewusst; höchst wahrschein- 
lich hat eine starke Beeinflussung der hier geschilderten Scenen durch die 
an den Triumphbogen und Säulen des spätern Kaiserreiches angebrachten Re- 
liefs platzgegriflen. Auch die Aehnlichkeit mit den Mosaiken von S. Maria 
Maggiore ist auffallend. Die erfreulichsten Partien dieser Rolle sind zweifellos 
die zahlreichen, ganz von dem antiken Geiste erfüllten Personificationen, wie 
die der Stadt Jericho, die man als lorbeerbekrönte junge Frau nachdenklich 
dasitzen sieht; die des Jordan, der, mit einem Purpurhimation bekleidet, sich 
auf eine Urne stützt und in seiner Rechten ein Ruder halt. Eine den Berg 
Gebel darstellende Figur ähnelt, wie sie mit gekreuzten Schenkeln dasitzt, 
Michelangelds ,Tag'. Fein gedacht sind die Personilicationen einiger Städte, 
wie die von Gibara. Der Erzengel Michael erscheint als römischer Centurio. 
Weder er noch die anderen kriegerischen Gestalten scheinen mir in ihrem 
Costüm an byzantinische Mode zu erinnern. Kondakoff will Anzeichen des 
Byzantinismus in dem tiefen, unterwürfigen Gruss des Sklaven vor Josua 
und in einem gewissen Mannertypus erblicken, dessen Stulpnasc und schwere 
Ausbildung der obern Gesichtshalfte den spatern byzantinischen Typ ab- 
spiegeln soll. Ich kann mich von der Richtigkeit letzterer Beobachtung nicht 
überzeugen. Die unterwürfigen Gesten waren dem Orient von jeher geläufig 
und waren schon früher in die Liturgie übergegangen. Ihr Auftreten kann 
daher nicht überraschen und gibt kein Recht, eher an Constantinopel als 
an irgend einen andern Punkt des Ostreiches zu denken. 
Zum Theil gilt dasselbe von einer zweiten Gruppe von Miniaturen, welche 
wir deshalb und in Ansehung ihrer Stellung zu der altchristlichen Kunst noch 
hier beschreiben, obgleich der hochverdiente Verfasser der ,Byzantinischen Kunst", 
Herr Kondakoff, sie als die Hauptvertreter dessen beschreibt, was er als das 
,g0ldene Zeitalter' der byzantinischen Buchmalerei bezeichnet (I 106-152). Die 
_Wien_er erste dieser Handschriften ist profanen Inhaltes; es ist der Wiener Codex 
Dloskondmvon Dioskorides Werk über die Pflanzen (Med. graec. 5), welches, wie 
das Dedicationsblatt uns belehrt, für die 527 zu Constantinopel verstorbene 
Prinzessin Iuliana Anicia, Tochter des Senators Olybrius (Kaiser 472) und der 
jüngern Placidia, also Enkelin Valentinians III, geschrieben war 1. Auf dem 
Titelblatt (Fig. 345) thront die Iuliana zwischen den allegorischen Gestalten des 
Hochsinns (llfefallogbulia) und der Einsicht (Öpäwyazg); der Genius des Wissens 
(17630; 177g aogoiug xriarou) reicht ihr das Buch, neben ihr kniet als verhüllte 
Frauengestalt der Dank der Künste (EöZapza-ria rsZuzÜv). Kondakoü findet, dass 
die Ornamentation des Buches bereits dem neuen, byzantinischen Stil angehört, 
und er führt als hierher gehörige Motive die den Mosaiken von Thessalonich 
und der Hagia Sophia verwandten vielfarbigen Mosaikwürfel an, welche man 
bei Dioskorides sieht und welche mit Kreuzen oder regenbogenfarbigen Bändern 
geziert sind. Ich linde diesen Beweis nicht für stichhaltig, um so mehr, als 
Kondakoff (p. 111) zugestehen muss, dass ,dieses erste byzantinische Manu- 
script trotz seiner Schönheit infolge der Auswahl der Sujets keine Vorstellung 
von dem Charakter der christlichen Kunst jener Epoche geben kann, da seine 
Miniaturen den antiken Diptychen und Mosaiken näher (als dem Byzantinismus) 
stehenä Das heisst mit andern Worten doch ganz deutlich: dies erste byzan- 
1 Abgebildet bei LAMBECIUS-KOLLAR Com- 
ment. (1776) t. III. Drei Miniaturen bei 
lfAelNconnm 1. c. pl. 26. Das Titelblatt far- 
big bei LABARTE 1. e. II 2 pl. 43. 
bei KONDAKOFF l. c. I 107 ss. u. 
auch SCHNAASE a. a. O. III 2 238. 
Einiges 
 Vgl.
        

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