Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1890289
Sechstes Buch. 
bartlos, mit herben, verknöcherten Zügen geschildert, so wie ihn uns Agnellus 
malt, allem Anschein nach porträtirt. Ueber einer langen weissen Tunica 
tragt er einen grünen Mantel (Paemola) und das mit dem Kreuz geschmückte 
Pallium; seine Rechte halt ein mit Edelsteinen geziertes Kreuz mit ver- 
längerter Hasta. Die zwei ihm folgenden Diakone, in Tunica und Dalma- 
tica gekleidet, tragen ein kostbar eingebundenes Buch und ein Weihrauch- 
gefäss 1. Schon Crowe und Cavalcaselle halten dafür, dass auch die Dar- 
stellung des Kaisers mit den hängenden, gezerrten Wangen, der dünnen 
Nase, dem verdriesslichen Zug um den Mund auf die Natur zurückgehe. 
Dass das Kaiserpaar bei der Consecration der Kirche anwesend war, ist eine 
Fabel; weder Justinian noch Theodora sind je in Ravenna gewesen. Auch 
ist nicht wahrscheinlich, jedenfalls durch nichts bewiesen, dass dieselben zur 
Erbauung und zum Schmuck dieses Gotteshauses Mittel hergegeben. Die 
Art, wie das Pontificalbuch im Leben des Ecclesius und Maximianus von 
diesen Dingen spricht, die Inschrift, welche ehedem in S. Vitale angebracht 
war, schliessen im Gegentheil jede bemerkenswerthe Betheiligung des Kaiser- 
paares an dem Bau und der Incrustation der Kirche aus9; es hat aller 
Wahrscheinlichkeit nichts dazu geschenkt als die Weihegefässe, die wir 
auf dem Mosaik in der Hand der Beiden sehen. Der Grund, weshalb hier 
das Kaiserpaar mit seinem Gefolge zur Darstellung gelangte, ist lediglich in 
dem persönlichen Verhältniss des Bischofs Ma-ximian zu suchen, der Justinian, 
gegen das kirchliche Recht, seine Erhebung zum Bischof von Ravenna ver- 
dankte, den er zweimal in Constantinopel besuchte und mit dem er offen- 
bar auf sehr gutem Fusse stand. Diese Dinge sind nie, auch nicht von 
Richter, hervorgehoben worden. Man sollte darum doch endlich einmal auf- 
hören, S. Vitale als die eigenste Schöpfung des byzantinischen Hofes zu pro- 
clamiren und daraus den Schluss zu ziehen, dass wir in seiner Architektur 
und seinen Mosaiken die echtesten Zeugnisse byzantinischer Kunst vor uns 
haben. Eine unbefangene Prüfung der Mosaiken von S. Vitale zeigt, dass 
dieselben sich in keiner Weise von dem, was bisher in Ravenna geübt 
worden, so weit entfernen, dass man die Ingerenz eines neuen, fremden 
Elementes anzunehmen hätte. Nur die beiden kaiserlichen Ceremonialbilder 
sind stilistisch und in der Compositionsweise davon verschieden; sie weisen 
darauf hin, dass man die Muster zu diesen Compositionen in der Hauptstadt 
des Ostreiches gesucht hat. Wie hätte das anders sein sollen? Wollte Ma- 
ximianus mit diesen beiden Bildern ein starkes Compliment nach Oonstan- 
tinopel hin machen, so war es selbstverständlich, dass er sich in der Schil- 
derung des kaiserlichen Hofes und seines Aufzuges der grösstmöglichen 
Treue beiliss und die Zeichnungen zu diesen Dingen seinen Mosaicisten 
aus Byzanz mitbrachte. Man braucht darum nicht zu denken, dass, wie 
Herr Richter meint, der kaiserliche Hof selbst die Cartons zu diesen Bildern 
geschickt habe. 
1 Für das Costümliche muss hier auf 
VVEISS Costümkunde I 123 f. verwiesen 
werden. 
2 AGNELL. Lib. pontifÄ, Vit. EccL: ,Ex- 
pensas vero in praedicti martyris Vitalis 
ecclesia sicut in Elogiae sanctae recordationis 
et memoriae Iuliani fundatoris invenimus, 
XXVI millia. aureorum expensa sunt solido- 
1'nn1' (ed. BACCH. p. 40). In der Vita S. Ma- 
ximiani (ibid. p. 95) heisst es: ,In Ardica 
B. Vitalis ita invenietis: B. Martyris Vitalis 
Brosiliaa mandante Ecclwsio Viro beatissimo 
Episcopo a fznzdcmwntis Iulianzzs Argenlarizzs 
aedißcavit, orncw-it atgue dedicavit, consecrante 
vero  Maximyiazzo Ejriscopo sub 
die XIII sexies P. C. Basilii Iuniorisf
        

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