Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1889369
Buch. 
Fünfwä 
schossenen Backsteinschichten construirte Gurten, welche wol bis zu einem 
Scheitelring geführt waren. Ueber den Scheiteln der doppelten, durch die 
ganze Mauer durchsetzenden Fensterbogen erhebt sich mitten auf jeder Seite 
des Zehneeks ein zweites System von je zwei Gurten, die nur bis zur halben 
Höhe der Kuppel geführt und durch kleine Halbkreisbogen miteinander ver- 
bunden sind. Alle diese Gurten sind durch eine Reihe von Horizontalringen 
aus Platten verspannt und bilden zusammen das Gerippe der Kuppel. Die 
Raume zwischen Gurten und Ringen sind mit Gussmauerwerk ausgesetzt. Der 
Seitenschub der Kuppel ist durch diese Anordnung auf die zehn Ecken ge- 
leitet, welche dementsprechend durch Strebepfeiler verstärkt sind."    ,Das 
ganze System der Druckvertheilung in der mittelalterlichen Gewölbetechnik ist 
hier wieder ausgesprochen oder im Keime vorhanden, wie bei den Kreuz- und 
Tonnengewölben. Man darf nur die Rippen aus den Gewölbeflächen vertreten 
lassen, sie entsprechend profiliren, die Strebepfeiler mehr sprechen lassen und 
sie formal ausbilden, um aus diesen römischen Constructionen das fertige 
Princip der gothischen zu erhalten' 1. 
Ich habe diese Aeusserung eines ausgezeichneten Technikers hier wieder- 
holt, weil die Bedeutung der in der Minerva Medica unternommenen Lösung 
für den Gewölbebau des Mittelalters in der That eine viel grössere sein dürfte, 
als bisher angenommen wurde. Diese Lösung, welche die Weite der Kuppel- 
Wölbung der Diagonale des Polygons gleichsetzte, hatte den Nachtheil, dass 
die über dem Durschneidungspunkte senkrechter und gekrümmter Flächen übrig- 
bleibende Wölbung keine volle Halbkugel bildete, sondern eine gedrückte, 
verkürzte Gestalt bot. Um diesem Uebelstand zu begegnen, griff man ander- 
wärts zu der polygonen Kuppel (dem sogen. Klostergewölbe), in welcher sich 
die verticalen Mauerwände gewissermassen nur fortsetzen. Der Architekt 
von S. Lorenzo in Mailand hat diese Kuppelconstruction über seinem acht- 
eckigen Raume gewählt, für die in der römischen Profanarchitektur bisher 
keine Vorbilder nachgewiesen sind und die sich später dann wieder in dem 
Battistero und dem Dom zu Florenz wiederholt. 
Hatte die Hängekuppel das Polygon durch einen weiteren Kreis um- 
schrieben, so versuchte man im Orient (schon in Bauwerken des Haüran) das 
Problem durch Einschreibung eines inneren Kreises in das Polygon zu lösen. Der 
ravennatische Architekt von S. Vitale füllte bei Aneignung dieser Bedeckung 
die entstehenden Winkel durch Nischengewölbe aus. In der Ueberdeokung 
halbkreisförmiger Wandnischen boten die grossen Exedren der antiken Bau- 
kunst reichliche Vorbilder. Noch vollkommener muss das Kuppelgewölbe von 
S. Sergius und Bacchus in Constantinopel (527) erscheinen, einer Kirche, 
welche sich durch ihre quadratischen Umfassungsmauern dem basilikalen 
Schema nähert. Hier ist der achteckige Mittelraum durch acht Pfeiler um- 
grenzt und an den vier Diagonalseiten durch vier Ausbauten gestützt, während 
die den Axen entsprechenden Seiten eine geradlinige Säulenstellung auf- 
weisen. Das Oktogon wird zwar auch hier durch Wölbungen in den Winkeln 
in die Kuppel übergeleitet wie bei S. Vitale, wird aber durch Ausschnitte 
derselben Kugel bewirkt, so dass also zwei Kuppelgewölbe entstehen. Die 
glanzvollste Leistung aber bezeichnet der byzantinische Kuppelbau in der 
1 Handb. d. Archit. II 2 (DURM Baukunst 
der Etrusker und Römer) S. 193. Man vgl. 
für die Entwicklung der Kuppelgewölbe die 
vortrefflichen Untersuchungen R. RAnNs [Teber 
den Ursprung und die Entwicklung des christl. 
Central- und Kuppelbaues. Lpz. 1866. Ferner 
SCHNAASE a. a. O. III 2 150. Essnnwnnz 
a. a. 0., und DURM a. a. O. S. 165.
        

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