Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1888925
Fünftes Buch. 
Diese Thürme sind mit Ausnahme derjenigen von S. Giovanni Evangelista, 
S. Francesco und S. Michele in Affricisco in Ravenna, welche viereckig sind, 
alle rund; sie waren durch schwache Gesimse gegliedert, hier und da durch 
Fenster durchbrochen, die wenigstens in den oberen Stockwerken allmählich 
zu zwei oder drei gruppirt werden. Der Rundthurm hat sich noch lange im 
Mittelalter erhalten und begegnet uns auch im Norden; doch wird gen Aus- 
gang des ersten Jahrtausends auch in Italien der viereckige Thurm vor- 
herrschend. Es liegt auf der Hand, dass letztere Anlage das Hereinziehen 
des Thurmes in den Organismus des Baukörpers erst recht ermöglichte, während 
die älteren Thürme entweder, wie bei S. Apollinare in Classe, ganz isolirt 
neben der Kirche stehen oder an die Facade derselben angelehnt, hier und 
da auch dem Eingang zum Atrium beigegeben oder über einem Seitenschiff 
aufgeführt sind. Indessen ist die im Abendlande erst später eingeführte or- 
ganische Verbindung des Thurmes mit dem Hauptbau doch auch schon in 
der Architektur der Syrer vorgebildet. 
er. Die Architekten, welchen wir unsere frühesten Kirchenbauten ver- 
danken, sind uns im allgemeinen weder in den litterarischen Quellen des Alter- 
thums noch in Inschriften genannt. Die wenigen Namen, welche uns über- 
liefert sind, werden mehr auf die Erbauer oder Stifter gehen, durch deren 
Muniiicenz ein Bau zu stande kam, wie in Ravenna Iulianus Argentarius sowol 
inschriftlich als im Liber pontificalis des Agnellus als Stifter von S. Apollinare 
und S. Vitale erwähnt wird. Vielleicht geht das dortl uns begegnende Mono- 
gramm mit Petrus auf den Baumeister. Andere Inschriften lassen es im 
Zweifel, 0b wir an einen Künstler zu denken haben, oder gehören erst dem 
Mittelalter an 2. Dagegen finden wir in Inschriften die Erwähnung Derjenigen, 
welche zu einem Bau beigetragen haben 3, und noch interessanter ist die In- 
schrift des Bischofs Rusticus von Narbonne vom Jahre 445, aus welcher wir 
lernen, dass die Basilika zu Narbonne innerhalb zweier Jahre bis zur Apside 
hin ausgebaut war,  die einzige Notiz, welche wir aus dem christlichen 
Alterthum hinsichtlich der Dauer eines Kirchenbaues besitzen4. 
Wir haben Wesen und Gestaltung der altchristlichen Basilika kennen 
gelernt: wie die Gesammtersoheinung derselben durch das Zusammenwirken 
der Schwesterkünste der Malerei und Plastik mit der Architektur gehoben 
und vervollständigt wurde, wird in den folgenden Büchern zu schildern sein. 
Die reiche Innendecoration, die ausgiebige Verwendung kostbarer Marmor- 
arten zum Schmuck der Wände und des Bodens; die Vergoldung zu Belebung 
des Dachwerks oder der Felderdecken; die Wand- und Mosaikmalerei, herr- 
lich gestickte Teppiche und Vela zur Decoration der Hochmauern; Säulen, 
allerorts angebrachte Lampen, Lustren und andere Schmuckgeräthe aus 
Gold, Silber u. s. f.: das alles musste auf den in die Basilika Eintretenden 
einen tiefen, nachhaltigen Eindruck machen und ihn in jene weihevolle Stim- 
mung versetzen, die durch die würdevolle und ceremonienreiche Feier der 
heiligsten Geheimnisse aufs höchste gehoben wurde. Die Seele des Gläubigen, 
die von all diesen Eindrücken umringt und bestürmt War, konnte sich un- 
möglich dem mystischen Zauber dieses wundervollen Gotteshauses entziehen. 
1 GARRUGCI tav. 408 1. 
2 Real-Encykl. II 258. 
3 MAFFEI Mus. Veron. tav. 457 4.  C. I. Gr. 
3140. 3144. 3148.  Vgl. MAFFET l. ß. 
p. 30 und LE BLANT Inscr. chrät. de 1a 
Gaule II 471. 
4 LE BLANT Inscr. chrät. de 1a. Gaule II 
465 s., No. 617.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.