Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885820
Erstes 
Gebiete der Kunstgeschichte nur den Werth zugestehen, dass es Perioden und 
Richtungen des Strebens in das Transcendentale, und wiederum Perioden des 
Geniessens, des Verharrens im Irdischen, uns hier Umgebenden gibt; in jenen 
herrscht der Wille, in diesen die Empfindung vor. Man kann auch zugeben, 
dass jener Unterschied einen Anhalt gewinnt durch das vorübergehende Vor- 
herrschen ,männlicher' und ,weiblicher' Nationen, wie solche schon vor Jahr- 
hunderten beobachtet und unterschieden worden sind 1. Weiter darf man in- 
dessen nicht gehen. Die Lebensprocesse, das hat auch einer unserer grössten 
Dichter ausgesprochen 2, haben nichts mit dem Bewusstsein zu thun, und die 
künstlerische Zeugung ist der höchste von allen; sie unterscheiden sich eben 
dadurch von den logischen, dass man sie absolut nicht auf bestimmte Factoren 
zurückführen kann. Das Auf- und Niedergehen der Kunstübung gleicht viel- 
mehr den auf- und niedersteigenden Höhenlinien unserer Gebirge, die nach 
langen und öden Flachebenen oft plötzlich zu herrlichen Bergriesen führen 3. 
Dies Aufsteigen und Niedersinken ist durch eine Reihe von Lebensbedingungen 
gegeben, von denen bei weitem nicht alle für unsere Beobachtung durch- 
sichtig sind, unter denen aber die innere menschlich-nationale Veranlagung 
und die übrigens auch nach bestimmten Gesetzen sich verändernden Wohn- 
gebiete, die geographischen Verhältnisse, das durch sie bedingte Material in 
erster Linie massgebend sind 4. 
Eintheilung Die Eintheilun g des kunstgeschichtlichen Verlaufes im allgemeinen, 
diejenige unserer christlichen Kunstgeschichte im besondern wird durch die hier 
vorgelegten Betrachtungen selbstverständlich bedingt. Die Zeiten sind vorüber, 
wo die Identitätsphilosophie dem geschichtlichen Process eine philosophische 
Construction aufzuzwingen unternehmen durfte. Auch jede andere Systemati- 
sirung des unermesslichen Stoffes unterliegt ernsten Bedenken 5, und unsere 
Darstellung zieht es daher vor, diesen Stoff nach dem Beispiel der classischen 
Franzosen in zwanglos abgerundeten ,Büchern' vorzulegen, statt ihn auf das 
Prokrustesbett eines künstlichen Systems zu spannen. Gleichwol kann der 
Verpflichtung nicht ausgewichen werden, über den innern Entwicklungsgang 
der christlichen Kunst eine Verständigung mit dem Leser zu suchen, und ich 
lege hiermit eine solche vor, welche sich von den bisherigen Eintheilungen 
ebensoweit entfernt, als sie sich meines Erachtens dem gegenwärtigen Stande 
unserer Erkenntniss anbequemt. 
Die vielfach eingeführte Zergliederung des Stoffes nach Alterthum, 
Mittelalter und Neuzeit hat den Vortlieil, sich der üblichen Eintheilung 
der allgemeinen Weltgeschichte anzuschliessen; aber sie besagt nichts über 
1 Merkwürdig ist in dieser Hinsicht die 
Aeusserung TAULERSI ,lch bin in solchen 
Landen gewesen, wo die Menschen so männ- 
lich sind u. s. f.    aber etliche Länder ge- 
bären nur weibliche Gemütherf Frkf. Ausg. 
1826, S. 73; vgl. DENIFLE Das geistl. Leben? 
(Freib. 1879) S. 110. 
2 FRIEDR. HEBBEL Tagebücher. Berl.1884. 
3 Vgl. BENNDOIIF Ueber die jüngsten ge- 
schichtl. Wirkungen der Antike. Wien 1885 
(dazu Preuss. Jahrb. LVII, 167): ,Die ge- 
schichtliche Entwicklung der Kunst gleicht 
nicht dem einfach auf- und niedersteigenden 
Profil eines Schuttkegels in der Ebene, eher 
einem langgedehnten, weithin sich abstufenden 
Kettengebirge, in welchem massive Reihen 
neben- und hintereinander gipfelnder Spitzen 
sich um den Vorrang streiten." 
4 Vgl. die Aeusserung KARL ERNST v. 
BAERS (Allg. Zeit. 1891, Beil. 57). 
5 Wie wenig der Gang der mittelalter- 
lichen Malerei und Sculptur sich mit der 
Entwicklung der Baukunst deckt, wie unzu- 
lässig es daher ist, die Eintheilungsgründe 
einfach von der Architektur zu entlehnen, 
hat A. SPRINGER bereits vor Jahren aus- 
gesprochen (Ztschr. f. bild. Kunst XV [1880], 
846).
        

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