Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die hellenistisch-römische Kunst der alten Christen, die byzantinische Kunst, Anfänge der Kunst bei den Völkern des Nordens
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1885311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1888364
Viertes Buch. 
Bayet (Rech. p. 117) hebt hervor, dass die ravennatischen Sculpturwerke 
sich in mancher Hinsicht beträchtlich von den römischen unterscheiden, dagegen 
mit allem übereinstimmen, was wir von den orientalischen wissen. Er macht 
auch darauf aufmerksam, dass der von Cassiodor (Var. III 19) uns über- 
lieferte Name eines Künstlers aus der Zeit des Theoderich, Daniel, auf den 
Orient hinzudeuten scheint. Neuerdings ist die Abhängigkeit der ravenna- 
tischen Plastik von der byzantinischen noch stärker betont worden. Man 
wird sich indessen hier vor übereilten Schlüssen zu hüten haben. Die wenigen 
Ueberreste byzantinischer und orientalisch-christlicher Seulptur reichen um so 
weniger aus, um die bestimmte Annahme eines Abhängigkeits- oder Ver- 
wandtsohaftsverhältnisses zu begründen, als die ravennatischen Sarkophage auch 
mannigfache Anklänge an andere provinciale Richtungen aufzeigen, bei denen ein 
direoter Einfluss von Byzanz oder Syrien ausgeschlossen erscheint. Zudem darf 
nicht übersehen werden, dass, wenn der Localoharakter in Ravenna von dem- 
jenigen Roms vielfach abweicht (ebenso wie der in Iulia Coneordia, am Rhein, 
in Aquitanien, Africa), andererseits die Uebereinstimmungen doch noch immer 
vorwaltend sind, so dass kein Grund vorliegt, die ravennatische Sculptur nicht 
als einen Zweig der christlich-römischen bezw. abendländischen anzuerkennen. 
Koptisehe Ganz anders schien es sich mit einer Richtung zu verhalten, auf welche 
sculpturen" erst in der allerneuesten Zeit, und zwar seitens der Aegyptiologen, die 
Aufmerksamkeit gelenkt wurde. Das ist die Kunst der Kopten, d. h. die 
Sculpturwerke aus Metall, Stein, Thon oder Holz  denn von Malereien 
hat sich nur weniges erhalten  welche in Aegypten im Umkreis des 
monophysitisch-koptischen Bekenntnisses, also hauptsächlich zwischen dem 
Concil von Chalcedon (451) und der Occupation des Landes durch die Araber 
(640), ja auch über letztere hinaus bis ins 9. Jahrhundert, entstanden sind. 
Die früher sehr verächtlich behandelten Denkmäler dieser Zeit sind vor 
etlichen Jahren durch Maspero im Museum zu Bulaq aufgestellt und seither 
durch Al. Gayet bekannt gemacht worden 1. Der französische Forscher glaubte 
in diesen koptischen Sculpturen eine ganz neue, von der hellenistisch-römisehen 
Kunst total abgewandte neue Kunst entdeckt zu haben. Ihm schloss sich 
bald darauf Georg Ebers an, welcher in dieser angeblich neuen, von der 
Antike völlig abgekehrten Kunst eine Wiederbelebung altägyptisch-nationaler 
Formen und Symbole zu erkennen glaubte? Es dauerte nicht lange, so 
folgte seinen Ausführungen eine Widerlegung, welche an Gründlichkeit nichts 
zu wünschen übrig lässta. 
Die hier in Rede stehenden Sculpturen sind durchweg Grabstelen, deren 
äussere Form die Gestalt einer Aedicula, einenvon zwei Pilastern umfassten 
Nische mit muschelgezierter Halbkuppel, oder flachem bezw. spitzem Giebel 
hat. Diese Motive sind aber der ravennatischen und rheinischen Kunst 
durchaus eigen, namentlich auch die Concha 4, welche Gayet für ein Palmen- 
ornament ansieht: gerade so irrthümlieh, wie wenn Ebers den so oft in 
Ravenna und anderwärts auftretenden, das Monogramm umgebenden Blätter- 
kranz für die geflügelte Sonnenscheibe erklärt  Aehnliche Missverständ- 
1 AL. GAYET Les monuments coptes du 
Musäe de Boulaq. Mäm. publiäs pur les 
membres de 1a miss. arch. frang. au Caäre III 
(Paris 1889) fasc. 4; La sculpture copte (Gaz. 
des beaux-arts 1892, Mai, JuilL, Aoüt). 
2 EBERS Sinnbildliches. Die koptische 
Kunst, ein neues Gebiet der altchristlichcu 
Sculptur, und ihre Symbole. 4". Lpz. 1892. 
3 A. RIEGL Koptische Kunst (KRUM- 
BACHERS Byzantin. Zeitschrift 1893, S. 114 
bis 121). 
4 GARRUGGI tav. 322. 336.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.