Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Ornamentenschatz
Person:
Dolmetsch, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1882183
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1883875
Tafel 
GOTHISCH. 
ARCHITEKTUR, 
SKULPTUR 
UND 
ORNAMENTIK. 
Beim gothischen Stil treffen wir, abgesehen von Ausartungen in der spätesten Zeit der Gothik, durch- 
gängig eine Unterordnung der Verzierungen unter die Architektur. Nach diesem Grundsatze überwuchert 
daher das Ornament nirgends den architektonischen Aufbau, wird nie Selbstzweck, sondern dient nur dazu, 
den Eindruck der Architektur in harmonischer Weise zu ergänzen oder einzelnes je nach Bedürfnis hervor- 
zuheben. S0 erhalten namentlich die spitzbogigen Portale und Fenster, die kühn aufwärtsstrebenden Türme 
und Türmchen, Fialen etc. etc., die Kapitäle und Gesimse, Chorstühle und Galerien ornamentalen Schmuck, 
mit welchem auch die Werke der Kleinkunst, Haus- und Kirchengeräte durchaus nicht kärglich bedacht sind. 
Die Kapitale sind meist nur eine glockenförmige Erweiterung des Säulenschaftes, um welche in freier 
Weise Blätter und Blumen gewunden sind (Fig. 15-17). Die Verwendung vegetabilischen Schmuckes ist 
überhaupt eine sehr ausgedehnte: so sind z. B. die Krabben oder Knollen an den Kanten der Giebel und 
Turmpyramiden eigentlich nichts anderes als in freier Weise umgestaltete Blätter, und die Schlufssteine in 
den Gewölben, die Konsolen u. s. w. sind ebenfalls sehr häufig mit Blättersehmuck versehen. 
An der Bearbeitung und Auffassung dieser Blätter und Blumen lässt sich die Zeit, aus welcher ein 
Bauwerk, ein Geräte herstammt, mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Während nämlich in der ersten Zeit 
der Gothik (I3. ]ahrh.) die Behandlung eine volle und breite ist, welche die Naturformen nur leicht stilisiert 
(Fig. 4, 5, 6, I5, 16, 21), bekommt später eine sehwungvollere Ausführung die Oberhand (Fig. 10-12). Und 
in der letzten Periode des gothischen Stils endlich lafst sich eine wachsende Entfernung von den natür- 
lichen Formen nicht verkennen, indem alles Blattwerk ein knorriges Aussehen erhält, wobei sich dann auf 
der einen Seite eine gewisse Erstarrung geltend macht (Fig. S, 9, 22), während auf der andern Seite eine 
mitunter unruhige Bewegung herrscht (Fig. I7, I8, 20). Dazu trägt wesentlich auch die Gewohnheit bei, die 
Blätter so frei zu unterarbeiten, dass sie nur leicht angeheftet erscheinen, was vielfach einen zu harten 
Wechsel von Licht und Schatten zur Folge hat. 
Das Laubwerk ist mit Vorliebe der heimischen Flora entnommen. Die Blätter des Weinstocks, der 
Distel, der Eiche und Buche, des Epheus und Klees, der Rosen u. s. w., an welche sich meist symbolische 
Bedeutungen knüpfen, treten überall auf. 
Menschen- und Tierßguren finden eine vielfach humoristische Verwendung bei den sog. Wasser- 
speiern. Auch Konsolen, Schlufssteine und namentlich die Giebelfelder über den Thüren sind mit figürlichen 
Darstellungen geschmückt. 
F ig. 1. Geschnitzte Figur vom Chorgestühle des Münsters zu Ulm. 
„ 2. Knauf an einer Sitzklappe (Misericordia) an demselben Gestühle. 
 3. Schlufssteinverzierung aus dem Dom zu Naumburg. 
„ 4. Kapitälknauf von der Kirche zu Gelnhausen. 
 5. „ französischen Ursprungs. 
„ 6. Kreuzblume von der Notre-dame-Kirche zu Paris. 
 7. Knauf an einer Kreuzblume daselbst. 
„ 8. Kreuzblume vom Tabernakel der ehemaligen Spitalkirche zu Efslingen. 
„ 9. Krabbe aus Nürnberg. 
„ IO. „ vom Dom zu Köln. 
„ 11 u. 12. Kehlenverzierung daselbst. 
„ 13 u. 14. Wasserspeier daselbst. 
 I5. Kapitäl französischen Ursprungs. 
„ 16. „ vom Kreuzgange der Kirche zu Wimpffen im Thal. 
„ I7. „ von der Glockenhalle der Frauenkirche zu Efslingen. 
„ 18. „ vom Taufsteine in der Marienkirche zu Reutlingen. 
 19. Gesimsverzierung an der Kathedrale zu Troyes. 
„ 20. Geschnitzte und durchbrochene Füllung eines Schrankthürchens französischen Ursprungs. 
„ 21. Kehlenverzierung von der Kirche zu Wimpffen im Thal. 
„ 22. „ aus Nürnberg. 
Fig. 1, 2, 3, 4, 9, 15, 17, 18 u. 20-22. Aufgenommen nach Modellen aus der Sammlung von Gipsabgüssen der Kgl. 
württemberg._ Centralstelle für Gewerbe und Handel. 
Das Ubrige entnommen aus: 
„1"1'anz Schmitz: Der Dom zu Köln." 
ÜI-Ieideloff, die Ornamentik des Mittelalters," 
„Vi0llet le Duc, (lictionnaire raisonne de Tarchitecture frangaise de XI. au XVI. siecle. 
„Raguenet, materiaux et documents d'architecture et sculpture."
        

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