Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Anatomie der Tiere für Künstler
Person:
Ellenberger, Wilhelm Baum, Hermann Dittrich, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1878737
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1879091
Es ist selbstverständlich, dass der Künstler bei seinen Darstellungen 
nicht anatomisch denken, fühlen und sehen soll. Die anatomischen Kennt- 
nisse brauchen in ihrer (Resamtheit. kein dauernder Besitz des Künstlers 
zu sein; es genügt, wenn derselbe das Auge im anatomischen Sehen 
gründlich geschult und wenn er einmal die Anatomie derart studiert hat, 
dass bei ihm gewisse Vorstellungen in Bezug; auf die richtigen Formen 
derart in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie unbewusst das 
künstlerische Schaffen beeinflussen. Ist dies erreicht, dann kann der 
Künstler einen grossen Teil der von ihm gelernten Anatomie, namentlich 
die Namen der anatomischen Teile und vieles Xebensächliche wieder ver- 
gessen, um eventuell im gegebenen Falle seine anatomischen Kenntnisse 
wieder aufzufrischen. Das anatomische Studium und die damit verbundenen 
Sehübungen haben für die Zwecke des künstlerischen Schaffens dieselbe 
Bedeutung, wie das Studium der klassischen Sprachen, der Mathematik 
und ähnlicher Denkübungen für den Gelehrten. Der letztere vergisst 
einen erheblichen Teil der in der Schule erworbenen Kenntnisse wieder, 
der Xutzen dieser Studien und der damit verbundenen Denk- und Ge- 
dächtnisübungen bleibt aber für das ganze Leben bestehen. Das Gleiche 
gilt für den Künstler, welcher die erworbenen anatomischen Kenntnisse 
zum Teil, namentlich die Namen der anatomischen Teile und das Neben- 
sächliche wieder vergisst, der Nutzen der anatomischen Studien bleibt 
ilnn aber für immer. Mit Leichtigkeit arbeitet sich derjenige, der ein- 
mal Anatomie gründlich studiert hat, im gegebenen Falle wieder in die 
Anatomie ein; ohne Schwierigkeiten gelingt es ihm, die Figuren in ana- 
tomischen Werken zu verstehen und richtig aufzufassen u. s. w. 
Die Ansicht, dass das Gefühlsleben des angehenden Künstlers durch 
anatomische Studien geschädigt werde, dass die Naivetät seiner Auffassung 
verloren gehe, vermögen wir nicht zu teilen. Das künstlerische Empfinden, 
welches durch anatomische und andere Studien leidet, ist nicht echt. 
Der echte, der geborene Künstler kann durch solche Studien unmöglich 
geschädigt werden. Dies hat die Erfahrung der Jahrhunderte fest- 
gestellt. 
Betreffs des Studiums der Anatomie mochten wir bemerken, dass 
sich der Künstler anatomische Kenntnisse in verschiedener Weise an- 
eignen kann, z. B. durch das Studium guter anatomischer Abbildungen, 
guter (typsabgüsse in Verbindung mit den entsprechenden Beschreibungen, 
wie sie sich in den anatomischen Lehrbüchern finden. Die beste Art 
aber, anatomische Kenntnisse zu erwerben, besteht zweifellos in dem 
Skizzieren guter anatomischer Präparate, im Vergleichen der Verhält- 
nisse des Präparates mit denen des lebenden Tieres und im Anfertigen 
anatomischer Zeichnungen. Der Studierende, der angehende Künstler,
        

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