Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Pompeji in seinen Gebäuden, Alterthümern und Kunstwerken
Person:
Overbeck, Johannes Mau, August
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1870574
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1877479
Werth der Bilder für die Kenntniss alter Malerei. 
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geistiges Auge geschärft und geübt genug, um die vergangene Herrlichkeit 
der griechischen Malerei aahnungsvoll zu erschauen, und die schriftlichen Nach- 
richten zu würdigen; aber was hat denn unsere Blicke geschärft und geübt, 
unser Urteil geläutert und uns einen Maßstab in die Hand gegeben, wenn nicht 
der Schatz alter Malerei in Pompeji und Herculaneum i? 
Niemand kann eine Folge pompejanischcr Gemälde, sei es auch nur in 
farbigen Nachbildungen, so wenig genau diese den Charakter dieser alten Bilder 
wiedergeben mögen, betrachten, ohne inne zu werden, dass die alten Griechen 
und ihre Schüler, die Römer eben so sehr im Besitze des Sinnes für das eigent- 
lich Malerische waren , wie sie der Sinn für das Plastische vor allen Völkern 
alter und neuer Zeit auszeichnet. WVir finden diesen malerischen Sinn, mögen 
wir nun die Blicke auf die Gegenstände, auf deren Auffassung und Coinpo- 
sition, auf die Form- und Farbgebung richten. Wenn das oberste Prinzip der 
Plastik in der Form, so liegt das Prinzip der Malerei in der Farbe: und wenn 
aus dem Prinzip der Plastik sich als das Wesen ihrer Darstellung die that- 
sächliche Bildung eder einzelnen tastbaren Form als solcher ergiebt, welche 
den in sich abgeschlossenen Sonderbestand jedes plastischen Kunstwerkes, 
 jedes Theiles eines solchen bedingt, so ergiebt sich aus dem Grundprinzip 
der Malerei als das Wesen ihrer Darstellung das Ineinsbilden des in seiner 
Beziehung zum Ganzen aufgefassten Einzelnen. Und grade die harmonische 
Gesammtwirkilng jedes pompejanischen Bildes, stelle es eine einzelne Gestalt 
auf einfarbigem Hintergrunde dar, wie die vielen schwebenden Figuren, oder 
eine große Gruppe von Gestalten mitten in landschaftlicher oder architek- 
tonischer Umgebung, wie in vielen mythologischen Compositionen, diese har- 
monische Gesammtwvirkung jedes Bildes selbst bei nachlässig behandelten und 
sogar mangel- oder fehlerhaften Einzelheiten beweist für den recht eigentlich 
malerischen Sinn der Künstler, welche diese Gemälde schufen. Nicht weniger 
offenbart sich dieser Sinn in dem Colorit, das, ohne natürlich der Tiefe und 
Gluth unserer Ölmalerei oder der antiken Enkaustik fähig zu sein, und ohne 
sich mit der feinabstufenden Abtönung in den Halbschatten unserer Malerei 
messen zu können, doch so harmonisch gewählt und behandelt ist, dass wir 
wohl häufig den Eindruck des Lebhaften und Glänzenden, nie aber den des 
Grollen und Bunten empfangen. Und endlich zeigen sich die Künstler der 
pompejaner Gemälde (und das dürfen wir bei den großen griechischen Mei- 
stern in noch höherem Maße voraussetzen) auch dadurch als echte Maler, 
dass sie ihren Gestalten ein glühendes, pulsirendes Leben , eine feurige Seele 
einzuhauchen verstehn, die namentlich aus den ganz besonders in den Bildern 
aus der letzten Periode mit bewusster Kunst oder mit bestimmter Manier, wie 
man es nennen möge, behandelten Augen spricht, diesen Lichtern des mensch- 
lichen Antlitzes, deren Reiz und Zauber die Seulptur zum größten und besten 
Theile darzustellen verzichten muss. 
 Wenn man aber die pompejanische Malerei gerecht würdigen will, darf 
man bei ihren technisch vorzüglichen Leistungen so wenig wie bei den nicht 
wenigen flüchtig und selbst nachlässig gemalten Bildern vergessen, dass alle 
unter dem Gesichtspunkte der Decorationsmalerei betrachtet werden wollen, 
wie ja eine große Menge derselben, die Darstellung von Pflanzen mancherlei
        

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