Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Pompeji in seinen Gebäuden, Alterthümern und Kunstwerken
Person:
Overbeck, Johannes Mau, August
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1870574
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1877360
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Zweites Capitel. 
Die Plastik. 
Boden sitzenden und sich etwa halb gegen ihn aufrichtenden Panther be- 
standen, nahe genug zu liegen und befriedigend genug zu sein scheinen mag. 
Aber man darf doch nicht vergessen, dass dies vielleicht nur deswegen der Fall 
ist, weil uns an ihm die Theile fehlen , welche dies bedingen oder hierdurch 
in. ihrer Haltung bedingt sein würden und dass es sich auf alle Falle um nichts 
als um eine bloße Vermuthung handelt. Es dürfte aber doch fraglich sein, 
0b es gerechtfertigt ist, auf eine solche die Erklärung der pompejaner Bronze 
zu stützen. Denn erstens ist auf der Basis dieser völlig unverletzt auf uns 
gekommenen Figur nicht die geringste Spur weder von einem Panther noch 
von sonst irgend einem verlorenen Gegenstands. Und wenn dem gegenüber 
gesagt werden, das Thier sei in der verkleinerten Copie "weggelassen, ent- 
weder weil man das Motiv auch ohne dasselbe für klar und deutlich genug 
hielt, oder weil für den Panther auf der kleinen runden Basis kein Platz 
war, so dürfte der erstere (irund insofern problematisch erscheinen, als 
wenigstens uns das Motiv durchaus nicht klar ist: den zweiten aber wird 
man in Abrede stellen dürfen, denn für einen Panther in der Größe, welche 
ihm als Beiwerk zukam, ist auf der Basis reichlich Platz. Dazu kommt 
aber zweitens, dass die Stellung der pompejaner Figur, die Neigung ihres 
Kopfes, die Richtung ihres Blickes und die eigenthümliche Haltung der Finger 
ihrer rechten Hand sich aus dem bezeichneten Motiv nicht erklären lassen. 
WVenn der Gott mit seinem rechts neben ihm sitzenden Panther spielte, so 
müsste nach natürlichem Motive sein Blick auf das Thier gerichtet sein, wobei 
der Kopf anders gedreht und weniger geneigt sein würde. So wie die Figur 
vor uns steht (und am Original oder Abguss ist dies noch klarer, als an der Ab- 
bildung) geht der Blick ihres stark nach rechts geneigten und nach links ge- 
weudeten Kopfes entschieden nach ihrer linken Seite, wo selbstverständlich 
in keiner Wiederholung der Composition der Panther gewesen sein kann. An 
der Fingerhaltung der rechten Hand aber ist das Eigenthümliehe, dass wäh- 
rend die drei letzten Finger eingeschlagen sind , der Daumen und der Zeige- 
finger ganz grade ausgestreckt werden, wodurch auch jeder Gedanke an 
einen in dieser Hand gehaltenen Thyrsos oder dergleichen ausgeschlossen 
wird. Denkt man die Figur mit einem Panther oder sonst einem Thiere spie- 
lend, so würde man die Fingerhaltuug nur als den Gestus einer scherzhaften 
Drohung auffassen können, wofür es an antiken Analogien fehlt. Die Stellung 
des Jünglings, wenn wir von dem thatsachlich Gegebenen ausgehn, scheint 
vielmehr die eines Lau sehenden zu sein. Den Schritt anhaltend steht 
die reizende Gestalt vor uns, und so hat sie offenbar schon eine Weile ge- 
standen, und deshalb die linke Hand leicht auf die Hüfte gestützt; das Haupt 
ist mehr träumerisch als sinnend zur Seite geneigt, die rechte Hand erhoben 
113011 der Richtung, wohin auch der Kopf sich neigt und woher der Ton zu 
kommen scheint, auf den der Jüngling, fern von gespannter Aufmerksamkeit, 
vielmehr mit einer gewissen Versunkenheit horcht, der also kein plötzlicher, 
rasch vorübergehender sein kann, sondern als ein dauernder zu denken ist, 
wie ein ferner Gesang. Auf diese Auffassung der Stellung ist die Ansicht ge- 
gründet, die Statue stelle Narkissos dar und es sei der Ruf der Nymphe Echo, 
auf welchen der schöne 'l'räu1ner lausche. Dass dieser Annahme mancherlei
        

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