Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Pompeji in seinen Gebäuden, Alterthümern und Kunstwerken
Person:
Overbeck, Johannes Mau, August
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1870574
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1876917
Zweiter Abschnitt. 
Stil und künstlerischer Werth der Bauwerke in Pompeji. 
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heißen müssten, wo gedankenlose Nachahmung das wenig Mustergiltige als 
Muster und rechtfertigendes Vorbild betrachtet hat, Weil es auf classischem 
Boden steht. 
Zunächst darf nicht vergessen oder verschwiegen werden, dass eine Zeit 
wie diejenige, aus der die neue Stadt Pompeji stammt, nicht nach einem 
festen, einheitlichen, alle Kunstbewegungen beherrschenden Princip baut 
und bildet, und deshalb auch, genau gesprochen, keinen eigenen Stil, 
d. h. keine Kunstform hat, welche aus dem Volksbewusstsein mit Nothwendig- 
keit so und nicht anders entspringt, und welche sich deshalb folgerichtig in 
jeder einzelnen Schöpfung offenbart. Eine solche Zeit ist vielmehr die des 
Eklekticismus. Und doch, wenn wir unter Stil die Kunstdarstellung gemäß 
der eigensten und individuellen Anschauung eines Künstlers, eines Volkes oder 
eines Zeitalters verstehn, so geht auch den architektonischen Leistungen der 
Pompejaner in der letzten Periode ein Stil, ein gemeinsamer Charakter, ein 
eigenthümliches Gepräge, und zwar überwiegend dasjenige der Üppigkeit, des 
Strebens nach Mannigfaltigkeit und decorativer Heiterkeit nicht ab. Die aus 
classischen Zeiten überlieferten Formen liegen auch den jüngsten Schöpfungen 
der pompejaner Architekten zum Grunde, aber deren strenge Anwendung und 
principielle Durchführung war diesem leicht lebenden Völkchen viel zu ernst 
und einförmig; deshalb wird die Norm und das Gesetz überall überschritten, 
und es entsteht eine Regellosigkeit, welche der strenge Kunstrichter, der den 
Maßstab des reinen Princips anlegt, freilich in derselben Art verurteilen mag, 
Wie Vitruv gegen die Phantasiearchitektur eifert, welche in seiner Zeit in der 
Decorationsmalerei herrschend zu werden begann. Dennoch wird man nicht 
verkennen, dass diese Regellosigkeit vielfach den Reiz besitzt, den die Über- 
Sßhreitung strenger Formen und Gesetze durch geistvolle und muntere Men- 
Schen fast überall im Leben auszeichnet. Freilich kann auch hier zu weit ge- 
gangen werden; von der Überschreitung der Regel, von dem Verlassen des 
Princips bis zur Verwilderung sind nicht gar viele Schritte. Und auch in 
Pompeji finden wir in einigen der jüngsten Monumente Ausschweifungen, 
welche als Ausartungen und als mindestens der Beginn verwilderter, des 
innern Haltes barer Formgebung erscheinen. Ja man könnte eine recht 
lange Liste von unglücklichen und unrichtigen Motiven aufstellen, doch mag es 
genügen, einige der hauptsächlichsten deswegen hervorzuheben, weil sie nicht 
selten nachgeahmt worden sind. 
Eines der häufigsten schlechten Motive, welches aus dem Streben nach 
Mannigfaltigkeit und Heiterkeit, der Furcht vor Eintönigkeit recht deutlich 
hervorgeht, ist die abwechselnde Bekrönung sich wiederholender Wandfelder 
zwischen Pilastern mit flachdreieckigen und tlachgewölbten Giebeln, von der 
in den früheren Zeichnungen zwei Beispiele mitgetheilt sind, das eine in der 
Mauer des Peribolos des Tempels des Genius Augusti (s. die Ansicht zuS. 117), 
das andere in der als Album benutzten Seitenwand des Gebäudes der Eumachia 
(Fig- 73, S. 135). Dieses letztere Gebäude, welches im Übrigen manches 
Hübsche aufzuweisen hat, wie namentlich z. B. die schöne und reiche Thür- 
einfassung von Marmor mit Arabesken, welche jetzt im Museum von Neapel 
den Eingang Zum ersten Statuenzimmer bildet (s. die Probe weiterhin), ent-
        

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