Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Pompeji in seinen Gebäuden, Alterthümern und Kunstwerken
Person:
Overbeck, Johannes Mau, August
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1870574
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1874094
Die Privatgebäude. 
Die Wohnhäuser. 
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wie überhaupt das öffentliche Leben der Alten, welches gewissermaßen als der 
Geschichte angehörend betrachtet werden kann, uns ungleich bekannter und 
in zahlreicheren und zusammenhangenderen Zeugnissen überliefert ist, als ihr 
Privatleben, so sind auch die Monumente des öffentlichen Lebens, Tempel und 
Hallen, Basiliken, Theater und Amphitheater, Straßen, Wasserleitungen und 
Bäder u. a. aus fast allen Theilen der alten YVelt in viel größerer Zahl auf uns 
gekommen; sie sind in ihren mehr oder weniger erhaltenen Ruinen lange 
bekannt, gemessen, gezeichnet und studirt worden, ehe der erste Spatenstich 
zu Pompejis Ausgrabung gethan wurde, und zugleich sind gegen viele dieser 
Reste alter Tempel, Theater und sonstiger Bauten die pompejanischen öffent- 
lichen Gebäude klein, unbedeutend und stehn namentlich in künstlerischem 
Betracht mit Wenigen Ausnahmen auf einer nicht allzu hohen Stufe. Von den 
Privathäusern der Alten aber war vor Pompejis und Herculaneums Entdeckung 
monumental sehr WVeniges vorhanden; denn die Trümmer einiger Paläste und 
Villen der Großen und Gewaltigen, welche wir außer den beiden verschütteten 
Städten haben, können hier nicht mitzählen, weil sie von der Norm bürger- 
licher Wohnhäuser weiter entfernt sind, als irgend ein Privatgebäude -Pom- 
pejis. Und auch die einzeln erhaltenen Fundamentruinen und die allerdings 
in der antiken Litteratur vorhandenen Beschreibungen ländlicher Villen brin- 
gen uns der Kenntniss des gewöhnlichen bürgerlichen Wohnhauses etwa und 
kaum so nahe, wie die Ruinen der s. g. Villa des Diomedes in Pompeji. Von 
dem Normalhause, namentlich von dem Hause in der Stadt ist kaum anderswo 
die Rede, als in Vitruvs Architektur, wenigstens nirgend im Zusammenhang 
und anders als in gelegentlicher Erwähnung einzelner Räumlichkeiten. Ab- 
gesehn aber davon, dass Vitruvs Beschreibungen durch die Bankinicht die 
klarsten und für uns doppelt schwierig zu verstehn sind, weil sie sich auf 
Abbildungen beziehn, die uns verloren gegangen, abgesehn ferner von der 
Unklarheit, welche mit dem Mangel monumentaler Anschauung unausbleiblich 
verbunden ist, haben wir bei Vitruv nichts, als die starre mittlere Norm, das 
Gesetz schlechthin, und zwar für das, was er bei seinen Lesern als bekannt 
voraussetzen mußte. Diese Norm aber ist nach hundert verschiedenen Um- 
ständen hundertfach verschieden angewendet worden, und erst die Kenntniss 
dieser verschiedenen Anwendungen des Gesetzes verschalft uns ein lebendiges 
und anschauliches Bild von der Stätte, in welcher sich das nach den Umständen 
und Verhältnissen mannichfaltig gestaltete Privatleben der Alten bewegte. Eine 
Solche Kenntniss ist aber, und zwar nur, durch Pompejis Häuser und die we- 
nigen vermittelt, die man in Herculaneum hat bloßlegen können; und welches 
der Gewinn dieser Anschauung sei, das lernen wir recht würdigen, wenn wir 
unsere auf die Wohnungen Pompe_jis gegründete Kenntniss des römischen 
'Hauses mit der Kenntniss von dem griechischen Hause vergleichen, die nur 
auf einer unklaren Normalbeschreibung Vitruvs und auf zerstreuten Stellen 
deralten Schriftsteller beruht. 
Wir haben den pompejanischen Wohnhäusern gegenüber eine doppelte und 
nicht leichte Aufgabe zu lösen. Einerseits nämlich sind die unsäglich reichen 
Einzelheiten der uns vorliegenden Monumente, wenn auch natürlich nur in 
einer Auswahl, zu beschreiben und zu erklären; wir müssen die Mannichfaltig-
        

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