Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Pompeji in seinen Gebäuden, Alterthümern und Kunstwerken
Person:
Overbeck, Johannes Mau, August
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1870574
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1873160
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Drittes Capitel. 
Stufen getreten sind. Griechisch ist ferner das hier freilich nur schwache 
Convergiren der die beiden Flügel der Sitzreihen abschließenden Linien; 
endlich auch die Anlehnung des Zuschauerraums an den Hügel. Dagegen 
freilich befanden sich die Seiteneingänge (parodoi) der Orchestra niemals in 
einem zwischen Zuschauerraum und Bühnengebäude frei gelassenen, nur durch 
eine Mauer mit einer Thür geschlossenen Zwischenraum; vielmehr sahen wir, 
dass grade hier durch Reste des ältesten Baues die jetzige Form uns auch als 
die ursprüngliche verbürgt wird. Da jedoch grade diese Besonderheit des 
griechischen Theaterbaues durch keinerlei Eigenthümlichkeit des griechischen 
Dramas und der griechischen Sitte im Gegensatz zum römischen bedingt war. 
so können wir wohl annehmen, dass eine Bauart wie die hier vorliegende etwa 
im zweiten Jahrhundert v. Chr. bei den Griechen aufgekommen war, und dass 
sich die Römer in dieser Beziehung nur der damals neuesten griechischen Ge- 
wohnheit anschlossen. Keinenfalls ist es zulässig, an römischen Einfluss zu 
denken, bei einem Theater welches mindestens 50 Jahre, vielleicht noch um 
weit mehr, alter ist als das erste steinerne Theater Roms, das des Pompejus. 
Der römischen Sitte entspricht ferner die geringe Höhe (etwa 1 M.) der 
Bühne. Nun ist zwar ohne Zweifel die Bühne, wie sie uns vorliegt, im Ganzen 
jüngern Ursprungs. Wann sie umgebaut worden ist, wissen wir nicht: wegen 
des Charakters des Mauerwerks würde nichts im WVege stehen, ihre Erneuerung 
mit der Thätigkeit der Holconier in Verbindung zu setzen. Es kann aber kein 
Zweifel obwalten, dass die Seiteneingänge der Bühne, F, mit Pfosten aus 
sorgfältig gefügten Tuifquadern, dem ursprünglichen Bau angehören, und 
sie beweisen unwidersprechlich, dass die Höhe der Bühne schon damals die 
gleiche war wie später. Und da diese Abweichung von der griechischen Sitte 
bei den Römern aus einem bestimmten praktischen Bedürfniss hervorging, so 
dürfen wir wohl schließen, dass hier niemals Aufführungen nach griechischer 
Art mit Chören stattgefunden haben, sondern die Orchestra von Anfang an 
nur diente, um die Sitze bevorzugter Zuschauer zu stellen. 
Nachdem wir nun die Erbauungszeit und den ursprünglichen Charakter 
des Theaters, sowie die wichtigsten Veränderungen, welche es im Laufe der 
Zeit erfahren, festgestellt haben, wenden wir uns zur Betrachtung der ein- 
zelnen Theile; es sind dies l) der Zuschauerraum, das Theatron im engem 
Sinne, griechisch auch das Koilon, römisch die Cavea; 2) der Platz des Chores, 
die Orchestra; 3) der Platz der Schauspieler, die Bühne, Scena.  
Der Zuschauerraum ist, wie ein Blick auf den Plan zeigt, von nicht ganz 
regelmäßiger Form. Fassen wir den westlichen Theil seines äußern Umfanges 
ins Auge, so finden wir, griechischer Sitte entsprechend, einen Kreisabschnitt, 
welcher größer ist als ein Halbkreis. Ebenso war es ursprünglich im Osten; 
doch sind hier die Holconier von dem noch deutlich sichtbaren Zuge der alten 
Mauer abgewichen, und es erscheint jetzt der Halbkreis tangential verlängert. 
Und ein tangential verlängerter Halbkreis ist auch die den Zuschauerraum von 
der Orchestra trennende Linie. Wir werden wohl nicht irren, wenn wir auch 
dies auf eine Veränderung in römischer Zeit zurückführen. Denn diese Linie 
beruht auf den vier untersten, breiten und flachen, für die Sitze (Bisellien) 
der Decurionen bestimmten Stufen, während man doch höchst wahrscheinlich
        

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