Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Pompeji in seinen Gebäuden, Alterthümern und Kunstwerken
Person:
Overbeck, Johannes Mau, August
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1870574
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1873108
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Drittes Oapitel. 
ein kleineres, freistehendes, welches letztere nach der weiterhin zu besprechen- 
den Bauinschrift mit einem Dache versehn (tleeatrum tectzmz) war. Es scheint, 
dass häufig ein bedecktes Theater mit dem offenen verbunden War; ein dem 
Untergang Pompejis etwa gleichzeitiges und der nächsten Nachbarschaft an- 
gehöriges "Beispiel liefert uns der Dichter Statius, Welcher unter den Herrlich- 
keiten Neapels mlen l)oppelbau des offenen und des bedeckten Theatersa 
{fgeminam molem nudi tectique tlzeatri: Silv. III, 3, 91) aufführt. Vermuthlich 
war das größere Theater für dramatische, das bedeckte für musikalische und 
kleinere Aufführungen bestimmt; ganz grundlos ist die Auffassung, als habe 
jenes der Tragoedie, dieses der Komoedie gedient. Wie wir weiterhin sehen 
werden, sind die beiden pompejanischen Theater nicht gleichzeitig, vielmehr 
ist das bedeckte erst später hinzugefügt worden. Beide Gebäude sind gut 
erhalten und sehr geeignet, um uns an ihnen die bauliche und scenische Ein- 
richtung der antiken Theater und die wesentlichen Eigenthümlichkeiten thea- 
tralischer Aufführung bei den Alten zu vergegenwärtigen. 
Bei Besprechung derselben müssen gewisse Gmndverhältnisse des antiken 
Drama und Theaterwesens als bekannt vorausgesetzt werden, und können hier 
nur mit Hinweglassung alles dessen, was nicht zum nächsten Zweck, der 
Erklärung der pompejanischen Theater gehört, in der gedrängtesten Kürze 
angedeutet werden 
Das griechische Drama, Tragoedie sowohl wie Komoedie, ist aus einer 
religiösen Festfeier im Culte des Dionysos hervorgegangen und hat durch die 
ganze Zeit seiner Entwickelung den Charakter einer religiösen Festlichkeit 
bewahrt. Der Träger dieser ursprünglich ländlichen Feier war ein beim 
YVeinlesefest umherschweifender Chor, der tanzbegleitete Chorlieder zu Ehren 
des Gottes sang, welche wir uns nach der wechselnden Stimmung der Wein- 
lese bald ernster in Bezug auf den Segen des Gottes, bald heiter und aus- 
gelassen denken dürfen, wenn es galt der berauschten Lust Ausdruck zu 
leihen und dieselbe an Unbetheiligten auszulassen. Erst später trat dem 
Chor ein Einzelner als Redner gegenüber, indem er von den Thaten und 
Erlebnissen des Dionysos erzählte, welche der Chor in seinen die Erzäh- 
lungen unterbrechendenx Tanzliedern feierte. Schon wenn man diesen 
ersten Keim des Drama betrachtet, kann man sich vorstellen, wie seine Be- 
dürfnisse einen Raum schufen, der etwa ebenso die Elemente des spätern 
Theaterbaus enthielt, wie jene von Rede unterbrochenen Tanzlieder eines 
bakchisch schwärmenden Chores die Elemente einer vollendeten Tragoedie. 
Den Redenden, Erzählenden auf ein Gerüst, die Urbühne, zu stellen, damit 
er besser gesehn und gehört werden möge, lag zu nahe, als dass nicht an- 
zunehmen Wäre, dies sei fast von Anfang an gethan worden. Der Chor da- 
gegen brauchte weder einen erhöhten Standort, noch wäre derselbe für eine 
irgendwie zahlreiche Menge von Choreuten so leicht zu beschaffen gewesen; 
für ihn ist der natürliche Boden ein zureichender Tanzplatz. Dass sich die 
Tänze des Chores, sobald sie zu der Erzählung des Redenden in der leisesten 
Beziehung standen, wie von selbst in einem Verhältniss zu der Urbühne be- 
wegten, begreift sich; denkt man sich aber die zuschauende Menge in der 
natürlichen Kreisstellung um Redenden und Chor versammelt und diesen
        

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