Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Handwerk in Japan
Person:
Brinckmann, Justus
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1867160
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1868171
Kunst 
Handwerk 
Japan. 
Geku. In dem Allerheiligsten der Miya wird jener mystische Erz- 
spiegel bewahrt, welcher als Bild der höchsten Göttin von uralter Zeit 
her heilig gehalten wird. Dieser Spiegel liegt in einer Kapsel von 
Hinoki-Holz auf einem niedrigen, mit einem Tuch aus weifser Seide 
bedeckten Tischchen. Der brocatene Ueberzug des Spiegels Wird nie- 
mals geöffnet oder erneuert; wenn er vom langen Liegen in Fetzen 
zerfällt, wird ein neues Säckchen darüber gezogen, ganz wie bei den 
Krönungsmänteln der deutschen Kaiser die einmal durch den Gebrauch 
geweihten Stoffe, auch wenn sie schadhaft geworden, unter den darüber 
genähten neuen Stoffen ehrfurchtsvoll bewahrt. wurden. Ueber das 
Tischchen mit dem Spiegel hat man noch eine Art hölzernen Käfigs 
mit goldenen Zierrathen gestülpt, und endlich eine auf allen Seiten 
bis auf den Boden herabfallende seidene Decke darüber gehängt. Mit 
dem Erblicken dieser Hüllen der Spiegelkapsel müssen die Gläubigen 
sich begnügen, wenn sich ihnen die gewöhnlich verschlossenen Thüren 
des Allerheiligsten bei feierlichen Anlässen öffnen. 
Eigenthümlich ist den Heiligthümern des Shintö, dafs sie in der 
Regel nach Ablauf einer gewissen Reihe von Jahren von Grund aus 
neu aufgeführt werden. Nach japanischer Meinung geschieht dies mit 
so vollkommener Genauigkeit, dafs jeder neue Tempel ein bis in alle 
Einzelheiten getreues Abbild seines Vorgängers und damit zugleich 
seines vielleicht vor einem Jahrtausend geschaffenen Urbildes Wäre. 
In der baulichen Praxis ist eine derartige Verewigung eines Bauwerkes 
durch vielfachen Abbruch und Neubau aber einfach unmöglich. Beim 
besten Willen werden die Werkmeister bei jeder Wiederholung Ab- 
weichungen nicht vermeiden können. Wieweit daher die heutigen 
Shintö-Tempel einen sicheren Schlufs auf die alte Baukunst der Japaner 
gestatten, mufs dahin gestellt bleiben, bis von jener Theorie unabhän- 
gige Kunstforscher an Ort und Stelle Vergleiche angestellt haben 
werden. Gewifs ist, dafs die neuzeitige Lehre vom reinen Shintö nicht 
ohne Rückschlag auf die in neuerer Zeit vorgenommenen Neubauten 
alter Tempel bleiben konnte. Wo sie mit den Rechten einer Staats- 
Religion sich buddhistischer Tempel bemächtigen konnte, ist sie oft 
rücksichtslos genug mit denselben verfahren und hat die gesammten 
buddhistischen Zuthaten, Götterbilder, Glockenthürme, Büchereien für 
die Aufbewahrung der heiligen Schriften beseitigt. Aus dieser ge- 
waltsamen "Purification" vieler buddhistischen Heiligthümer sind viel- 
fach nur die ex-voto-Bilder gerettet worden, oft Werke der berühm- 
testen Maler, durch deren Ansammlung viele alte Gotteshäuser zu 
wahren volksthümlichen Museen geworden waren. In anderen Fällen 
hat die Einziehung der Einkünfte, aus denen früher die Unterhaltung 
der Tempel bestritten wurde, diese zu langsamem Verfall verurtheilt.
        

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