Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Handwerk in Japan
Person:
Brinckmann, Justus
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1867160
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1868060
Baukunst im 
Die 
Dienste 
des 
Cultus. 
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Namentafeln der Ahnen entwickelt und diesem Brauche hat sich sogar 
der Buddhismus, dem der Ahnenkult ursprünglich fremd war, nicht 
entziehen können. Fast in jedem japanischen Hause finden sich neben 
dem Hausaltar der Shintö-Götter  Kanzzldzzzza  und dem Schreine 
der bevorzugten buddhistischen Gottheit Gedenktafeln zur Erinnerung 
an verstorbene Angehörige, denen durch Gebet und Opfer eine Art 
göttlicher Verehrung bezeugt wird. 
Der Shintö fordert Gehorsam den Landesgesetzen und Ehrfurcht 
vor dem Kaiser, überläfst aber im Allgemeinen den Einzelnen seinen 
natürlichen Trieben. In das Leben nach dem Tode sucht er nicht ein- 
zudringen; wohl lehrt er, dafs die menschliche Seele nach der Tren- 
nung vom Leibe fortdauere und die Macht besitze, den Hinterbliebenen 
Gutes oder Böses zuzufügen, aber ob ihrer Lohn oder Strafe harre, 
fragt er nicht und die Stelle von Himmel und Hölle vertritt bei ihm 
das dunkele Jenseits „Y0mz' no Kunz". Die unvollkommene Ausbil- 
dung der Sittenlehre und die den Herzensbedürfnissen des Volkes nicht 
entgegenkommende Gleichgültigkeit gegen das Jenseits sind Mängel 
der Shintö-Lehre, welche erklären, wie der Buddhismus mit seinen er- 
habenen Grundsätzen der Nächstenliebe und seinem schwungvollen 
Vordringen über die Grabesnacht in ein dem guten Menschen sich er- 
schliessendes seliges Jenseits so feste Wurzeln neben der nationalen 
Religion fassen und durch die in jüngster Zeit von Oben herab ver- 
ordnete Kräftigung der letzteren bis jetzt nicht erschüttert werden konnte. 
Die in dem Shintö-Glauben wurzelnde Auffassung von der 
Verunreinigung des Menschen durch die Sünde und durch die Berüh- 
rung mit Unreinem und Sündhaftem ist im Hinblick auf das innerliche 
Leben des Menschen nicht zur Entfaltung gelangt, ist aber doch für 
das äussere Leben von grofser Tragweite geworden. In Folge der 
Anschauung, dafs schon Geburt und Tod den Menschen verunreinigen, 
bestanden früher besondere Baulichkeiten für beide Vorkommnisse und 
bis in unsere Tage mufsten alle bei der Errichtung und baulichen Er- 
neuerung der Shintö-Tempel beschäftigten Arbeiter die peinlichsten 
Vorschriften zur Fernhaltung jeglicher Art von Verunreinigung und zur 
äufsersten Sauberkeit der technischen Durchführung beobachten. Un- 
verkennbar ist die Wechselwirkung dieser Lehren und Vorschriften 
des Shintö und jener Reinlichkeitsliebe, welche das ganze Leben aller 
Schichten des japanischen Volkes durchzieht und ihm die Anerkennung 
als reinlichstes Volk der Erde eingetragen hatr Gewifs steht hiermit 
auch in ursächlichem Zusammenhange jene unübertreffliche Nettigkeit 
und Sauberkeit der Ausführung, welche allen gewerblichen Erzeug- 
nissen der Japaner ebenso eigen, wie ihren Shintö-Ternpeln rituell vor- 
geschrieben ist.
        

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