Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Handwerk in Japan
Person:
Brinckmann, Justus
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1867160
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1870267
Holzschnitt im 
Der 
19. Jahrhundert. 
Die 
Farbendruck-Albums. 
275 
Dichtkunst verknüpft sind, und wie wir ohne eine gründliche Bekannt- 
schaft mit dieser nicht hoffen dürfen, in das Verständnifs des inneren 
Gehaltes aller Motive des japanischen Kunsthandwerkes einzudringen. 
Die Lieder-Sammlung Hyak min zIfslzzäz, eine Blumenlese von 
hundert Uta, welche zu Anfang des 13. Jahrhunderts von dem Dichter 
Gon-chiu-nagon Sadaihe aus älteren und eigenen Dichtungen 
zusammengestellt worden und in zahllosen Ausgaben und C0mmen- 
taren im Volke verbreitet ist, hat u. A. dem Utagawa Kunisada 
als Schnur gedient, auf welche er hundert anmuthige Frauen-Perlen 
gereiht hat. Nicht dafs er versucht hätte, die wehrnuthvoll bangende, 
sehnsüchtig schmachtende oder nur ausnahmsweise beglückt froh- 
lockende Stimmung jener lyrischen Epigramme in Frauengestalten 
auszuprägen, etwa wie solche von unseren Zeichnern aus den Liebes- 
dichtungen unserer Klassiker abgeleitet werden. Der Zusammenhang von 
Kunisadas japanischen Schönheiten mit den 07a ist ein weit lockerer. Wie 
Blumengeranke von einem altersgrauen bemoosten Grabmal heben sich 
seine anmuthvoll bewegten, prächtig gekleideten Mädchen und Frauen 
mit den stereotypen Bühnengesichtern von dem ernsten, schwermuth- 
voll stimmenden Hintergrund der alten Dichtungen ab. Nicht immer 
wird der Zusammenhang dem Uneingeweihten ganz deutlich, selten 
springt er als ein äufserlicher sofort in die Augen. Bald findet ein aus 
Himmelshöhen entlehntes Bild des Dichters sein Gegenstück im Alltags- 
leben der Strafse oder derKinderstube, bald giebt ein Wortspiel, ein 
Toilettengeheimnifs, selten ein tiefer eingreifendes Lebensschicksal den 
Schlüssel des Räthsels. Wie solchergestalt die alten Dichtungen und 
die jungen Weiber leichten Sinnes zu einem lustigen Bilderbuch ver- 
schlungen werden, mögen folgende Beispiele zeigen.   
Sehen wir ein junges, am Ufer kauerndes Mädchen, die eben 
einen Fisch mit der Angelruthe emporschnellt und lesen dabei den 
vor tausend Jahren von Takamura einem Freunde aus der Verbannung 
an der Westküste gesandten Grufs, in welchem der Dichter die see- 
fahrenden Fischer bittet, der fernen Heimath von ihm Kunde zu bringen, 
so ist die Beziehung von Bild und Uta ebenso oberflächlich, wie wenn 
jener Uta, in welcher Kanemasa auf der Wacht an Sumoi's Thor des 
schlafstörenden Gekrächzes der Seevögel gedenkt, eine junge Fischerin 
gesellt ist, welche ein mit Meertischen gefülltes Kübel auf dem Kopfe 
trägt. Beziehungsvoller schon erscheint uns das Bild eines jungen 
Mädchens, welches reisemäfsig gekleidet auf Strohsandalen einher- 
schreitet, das Haupt mit einem blauweifsen Tuche umwunden, aut dem 
Rücken die mit einem herbstlich bunt beblätterten Ahornzweige ge- 
schmückte Kürbisflasche, aus der sie eben einen stärkenden Trunle in 
ein Porzellantäfschen gegossen hat; sie zieht  gewifs in heiterer Gesell- 
18'
        

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