Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1863861
GRIECHISCHE 
ORNAMENTE. 
dass ein höchst verfeinerter Geschmack bei den Griechen allgegenwärtig gewesen sein müsse, und dass das 
Land überschwänglich voll von Künstlern War, deren fähiger Geist und geübte Hand es ihnen möglich 
machte, diese herrlichen Ornament-e mit unfehlbarer Wahrheit auszuführen. 
Es fehlte jedoch den griechischen Ornamenten ein grosser Reiz, der mit den Ornamenten untrennbar 
verbunden sein sollte, nämlich die symbolische Bedeutung. Sie waren ohne Sinn, rein decorativ, unter 
keinen Umständen repräsentativ, und sind kaum constructiv zu nennen: denn die verschiedenen Glieder 
eines griechischen Denkmals stellen bloss vortrefflich entworfene, zum Empfang der Ornamente höchst 
geeignete Oberflächen dar, die auch immer, in früherer Zeit mit gemalten, und nachher mit geschnitzten 
und gemalten Verzierungen bedeckt Wurden. Das Ornament bildete keinen Theil der Construction, wie 
das bei den Aegyptern der Fall War, ja, man konnte es ganz entfernen, ohne die Construction wesentlich 
dadurch zu verändern. Das Ornament des korinthischen Kapitals ist nicht construirt, sondern bloss aufge- 
legt; dem ist nicht so beim ägyptischen Kapital: da merkt man, dass das Kapital selbst das Ornament 
ausmacht,- einen Theil davon entfernen, hiesse das Ganze zerstören. 
S0 sehr wir auch die ausserordentliche, ja, fast göttliche Vollkommenheit der Sculptur an den griechischen 
Monumenten bewundern mögen, so müssen wir doch zugeben, dass die Griechen, in der Anwendung dersel- 
ben, oft die gehörigen Schranken der Ornamentation überschritten. Der Fries des Parthenon WUTdG so weit 
aus dem Bereich des Ailges gestellt, dass er nur wie ein geometrischer Abriss erschien: die Schönheiten 
desselben, die, aus der Nähe gesehen, uns mit Staunen füllen, konnten in der Entfernung keinen weitem 
Werth besitzen, als insofern sie ein Zeugniss der hohen Kunstverehrilng der Griechen ablegten, die sich 
mit dem Bewusstsein der vorhandenen Vollkommenheit begnügten, obwohl sie sie nicht wahrzunehmen ver- 
mochten. Wir aber können nicht umhin, solches als einen Missbrauch der Mittel zu betrachten, und 
glauben, dass die Griechen in dieser Beziehung den Aegyptern nachstehen, deren incavo Relief uns für 
monumentale Sculptur viel angemessener scheint. 
Muster der repräsentativen Ornamente giebt es nur wenige, mit Ausnahme der Wellenverzierung und 
des, in den Gemälden zur Unterscheidung des Wassers vom Lande gebrauchten lliälauders; und ausser 
einigen conventionellen Darstellungen von Baumen, N o. 12, Tafel XXL, besitzen wir nur weniges das diesen 
Namen verdient, hingegen bieten uns die decorativen Ornamente der griechischen und etruskischen Vasen, 
reichliche Materialien dar, und da die gemalten Ornamente aller bis jetzt entdeckten Tempel sich auf keine 
Weise von diesen unterscheiden, so unterliegt es keinem Zweifel, dass wir mit all den Phasen der griechischen 
Ornamente bekannt sind. Die Typen sind wenige an der Zahl, gerade wie bei den Aegyptern, doch steht 
die conventionelle Darstellung der Griechen Viel weiter von den Typen ab. In der Wohlbekannten Geiss- 
blattverzierung aussert sich kein Bestreben der Nachahmung, sondern vielmehr eine Berücksichtigung des, 
dem Wachsthum der Blume zu Grunde liegenden Principiums; und wenn man die Vasenmalereien genau 
betrachtet, ist man zu glauben versucht, dass die Blätter einer griechischen 
Blume erst unter dem Pinsel ihre verschiedenen Formen erhielten, je nach- 
dem die Hand des Künstlers nach oben oder nach unten gewendet war, und so 
der Gestalt des Blattes ein verschiedenes Gepräge aufdrückte ; und dass die 
geringe Aehnlichkeit dieser Verzierung mit dem Geissblatt erst nachher 
entdeckt wurde, ist viel Wahrscheinlicher, als die Annahme, dass die natür- 
liche Blume dem Ornamente zum Modell gedient habe. Auf Tafel XCIX. findet sich eine Darstellung des 
Geissblattes, aber die Aehnlichkeit ist höchst undeutlich. Doch ist es augenscheinlich, dass die Griechen 
in ihren Ornamenten, sich als genaue Beobachter der Natur bewiesen, und ohne copiren oder nachahmen zu 
wollen, verfuhren sie genau nach den Principien der Natur. Die drei grossen, allenthalben in der Natur 
geoifenbarten Gesetze-die Strahlung vom Mutterstamme, die verhältnissmässige Eintheilung des Flächen- 
raumes, und die tangentenförmige Krümmung der Linien  wurden immer von ihnen befolgt; und was uns 
mit Staunen füllt, ist die unfehlbare Vollkommenheit mit welcher diese Gesetze, im bescheidensten wie im
        

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