Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1863544
AEGYPTISCHE 
ORNAMENTE. 
muss einem in der Entwickelung begriffenen Volke die ersten Begriffe der Symmetrie, der Anordnung, der 
Anlage, und der Eintheilung der Massen einflössen. Die Aegypter beschränkten sich in der Verzierung 
grosser Oberflächen, wie es scheint, nur auf geometrische Anordnung. Strömende Linien kommen bei den 
Aegyptern, verhältnissmässig, sehr selten vor, und dienen nie als Motiv der Composition, doch existirt in 
ihrem Seilornament, der Keim selbst zu dieser nachherigen, in der Volutenform sich entwickelnden Ver- 
zierungsweise. (Tafel X., N0. 10, 13-16, 18-24; und Tafel XL, 1, 2, 457.) In diesen Mustern sind die 
verschiedenen Seilknäuel einer symmetrischen Anordnung unterworfen, aber aus dem Entrollen dieser Seile 
entstünde schon jene Form, die in manchen spätem Stylarten zur Quelle so grosser Schönheit wurde. Wir 
wagen daher die Behauptung, dass der ägyptische Styl, der älteste zwar, doch zugleich in allem, was den wah- 
ren Kunststyl ausmacht, auch der vollkommenste ist. Die Form in der er sich offenbart, mag uns fremdartig, 
eigenthümlich, förmlich und steif erscheinen, aber die Begriffe und Lehren die er uns beibringt, gehören zu 
den zuverlässigsten. Indem wir mit den andern Stylarten fortfahren, werden wir linden, dass sie der Voll- 
kommenheit nur dann nahe kommen, wenn sie, gleich dem ägyptischen Styl, die wahren Principien befolgen, 
die in jeder wachsenden Blume sich kund thun. Wie die Blumen, die Lieblinge der Natur, so sollte auch 
jedes Ornament seinen eigenen Duft haben, d. h. einen Grund für seinen Gebrauch; jedes Ornament sollte 
an zierlicher Construction, an harmonischer Mannichfaltigkeit der Formen, an gehörigem Ebenmass und 
untergeordneter Abstufung der Theile zu einander, mit dem Modell zu wetteifern suchen. Wenn in einem 
Ornamente eines dieser Merkzeichen abgeht, so können wir mit Gewissheit annehmen, dass es einem ent- 
lehnten Style angehört, worin der Geist welcher das Originalwerk belebte, beim Copiren verloren ge- 
gangen ist. 
Die Architektur der Aegypter ist durchgehends polychromatisch,--sie bemalten alles; wir haben also in 
dieser Beziehung so manches von ihnen zu lernen. Sie behandelten die Malerei in flachen Tinten, ge- 
brauchten weder Schattirung noch Schatten, und doch fanden sie keine Schwierigkeit, die Identität des dar- 
zustellenden Gegenstandes im Geiste des Beschauers anzuregen. Der Gebrauch ihrer Farben, wie der der 
Form, war conventionell. Man vergleiche die Darstellung des Lotos (N0. 3, Tafel  mit der natürlichen 
Blume (N0. l), um zu sehen wie herrlich die Kennzeichen der natürlichen Blume in der Darstellung wieder- 
gegeben sindl Wie richtig die äussern Blätter mittelst eines dunklern Grüns unterschieden sind, und die 
innern, geschützten Blätter mittelst eines hellern Grüns; während der purpurne und gelbe Ton der innern 
Blume, mittelst rother, auf gelbem Felde schwebender Blätter dargestellt ist, wodurch die schimmernde 
Gluth des Originals auf 's vollkommenste hervortritt. So finden wir Kunst mit Natur vereint, und erfreuen 
uns eines verdoppelten Genusses beim Gewahrwerden der Geistesanstrengung, die diesen glücklichen 
Verein zu Stande gebracht hat. 
Die am meisten von den Aegyptern gebrauchten Farben waren Roth, Blau und Gelb, nebst der ge- 
legentlichen Anwendung von Schwarz und Weiss um die verschiedenen Farben zu begrenzen und ihnen die 
nöthige Deutlichkeit zu verleihen; und Grün gewöhnlich, obwohl nicht immer, als Localfarbe, wie in den 
grünen Lotosblättern. Doch waren diese Blätter eben so oft blau als grün gefärbt: blau in den ältesten 
Zeiten, und grün während der ptolomäischen Periode, ja, in dieser letztern Zeit wurde auch Purpur und 
Braun hinzugefügt, welches jedoch den Effect verringerte. Auch das Roth, welches man an Gräbern und 
Mumienkasten der griechischen oder römischen Periode findet, ist von matterem Tone als das der alten 
Zeiten; und es kann, wie es scheint, als allgemeine Regel gelten, dass in den archäischen Perioden der 
Kunst die Grundfarben, Blau, Roth und Gelb die vorherrschendsten waren, und zugleich mit der grössten 
Harmonie und dem glücklichsten Erfolg angewendet wurden. In den Perioden aber, wo die Kunst als ein 
Ergebniss der Ueberlieferung, nicht instinktmässig ausgeübt wird, stellt die Tendenz sich ein, die secun- 
dären Farben und Tinten, nebst Schattirungen jeder Varietät zu gebrauchen, doch geschieht das selten mit 
gleichem Erfolg. Wir werden oft Gelegenheit haben in den folgenden Capiteln darauf hinzuweisen.
        

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