Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1866871
BLAETTER 
BLUMEN NACH 
NATUR. 
Kenntniss der Architektur, und dieser Umstand fihrte zur Entwickelung jener Eigenheiten, 
elisabetheische Architektur von der reinern Baukunst der Renaissance unterschieden. 
welche 
Wir glauben daher mit Recht annehmen zu dürfen, dass es möglich ist einen neuen Ornamentationsstyl 
zu schaifen, ganz unabhängig von der N othwendigkeit eines neuen architektonischen Styles; ja, wir 
glauben vielmehr, dass die Erfindung eines neuen Styles der Ornamentation das leichteste Mittel zur 
Bildung eines neuen Baustyles abgeben würde: wenn man z. B. dazu gelangen könnte einen neuen Aufsatz 
zur Verzierung der Pfeiler und anderer architektonischen Stützen zu erfinden, so wäre schon einer der 
Punkte vollbracht. 
schwierigsten 
Die Haupttheile einer Baute die den Styl derselben angeben, sind, erstens, die Tragestützen; zweitens 
die Mittel zur Ueberspannung des Raumes zwischen den Trägern; drittens, die Gestaltung des Daches. 
Die Ausschrnückung dieser baulichen Theile aber ist es, die den Charakter des Styles verkündet, und diese 
Theile stehen in so natürlicher Folgenreihe mit einander, dass die Erfindung eines einzigen derselben die 
der übrigen nothwendig herbeiführen würde. 
Beim ersten Anblick dürfte es Wohl scheinen, als ob alle Mittel diese 
baulichen 
Theile 
vermannich- 
gelassen 
faltigen, gänzlich erschöpft worden wären, und dass uns also nichts weiter 
von den bereits abgenutzten Systemen zu unserem Gebrauch zu wählen. 
sei, als 
oder jenes 
Was bleibt aber übrig, wird man Wohl fragen, wenn wir den 
Pfeiler 
horizontalen 
Balken 
Griechen und der Aegypter, den Rundbogen der Römer, den Spitzbogen und das Gewölbe des Mittelalters 
und die Kuppeln der Muhammedaner verwerfen sollen? Auch wird man uns wahrscheinlich sagen, dass 
jedes Mittel den Raum zu bedecken bereits erschöpft und es daher unnütz sei, andere Formen zu suchen. 
Darauf antworten Wir, dass man zu jeder Zeit dieselbe Einwendung hätte machen können. Hätte der Aegypter 
es sich je einfallen lassen können, dass man zur Ueberspannung des Raumes andere Mittel erfinden werde, als 
die bei ihm gebräuchlichen ungeheuern Steinblöcke? Hätte der mittelalterliche Architekt es sich je träumen 
lassen, dass man einst seine luftig leichten Gewölbe übertreffen, oder dass man mittelst hohler eisernen 
Röhren über Abgründe und Meerbusen setzen werde? Verzweifeln wir also nicht: die Welt hat ganz 
gewiss noch nicht das letzte Bausystem gesehen. Wir bewegen uns zwar in einem Zeitalter der Nachbildung 
und unsere Architektur Verrälth unstreitig grossen Mangel der Vitalität, doch hat die Welt auch in frühem 
Zeiten ähnliche Perioden zu überstehen gehabt.  Aus dem gegenwärtigen Chaos wird sich ohne Zweifel 
(wenn auch vielleicht nicht in unserer Zeit) eine neue Baukunst entwickeln, würdig in jeder Beziehung der 
riesigen Fortschritte, welche die Welt in ihrem Streben nach dem Baume der Erkenntniss gemacht hat. 
Um wieder auf unsern Gegenstand zurückzukommen, wie soll also ein neuer Kunststyl oder ein neuer 
Ornamentationsstyl gebildet werden, und auf welche Weise soll der Versuch zu solcher Umbildung einge- 
leitet werden? Wir gestehen, dass wir kaum der Hoffnung Raum geben können, mehr als den Anfang der 
Umwandlung zu erleben. Die Baukünstler unserer Zeit sind einerseits zu sehr unter der Einwirkung einer 
der Vergangenheit angehörigen Erziehung, und andererseits sind sie dem hemmenden Einfluss eines schlecht 
unterrichteten Publikums zu sehr ausgesetzt. Das gegenwärtig aufkommende Geschlecht aber ist unter 
günstigem Umständen und glücklicherer Vorbedeutung für alle Klassen geboren, und erlaubt uns einer 
hoifnungsvollen Zukunft entgegen zu sehen. Zum Gebrauch dieser kommenden Generation haben wir die 
gegenwärtige Auswahl aus den Werken der Vergangenheit gesammelt, nicht etwa um die knechtische Nach- 
ahmung derselben zu empfehlen, sondern damit Künstler die Gelegenheit haben, jene Principien, welche in 
allen den Werken der Vergangenheit vorherrschten und allgemeine Bewunderung erregt haben, mit Auf- 
merksamkeit zu prüfen, um dadurch zum Schaffen neuer ebenso schöner Formen angeregt zu werden. 
Wenn der Kunstforscher, dem es ernsthaft um sein Streben nach Kenntniss zu thun ist, jedem Versuche der 
Trägheit widersteht, auf eigener Faust die Werke der Vergangenheit untersucht, sie mit den Werken der 
Natur vergleicht, und seine Geisteskraft anstrengt um die in jedem derselben ohwaltenden Principien voll- 
ständig zu würdigen, so muss er unfehlbar selbst zum Schöpfer werden und neue selbstständige Formen 
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