Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1863516
AEGYPTISCHE 
ORNAMENTE. 
 
DIE Baukunst Aegyptens hat vor allen andern Stylarten der Architektur diese Eigenthümlichkeit voraus, 
dass die Kunst um so vollkommener, als das Denkmal älter ist. Alle uns bekannten Ueberbleibsel zeigen 
uns die ägyptische Kunst im Zustande des Verfalls. Denkmäler, zwei Tausend Jahre vor der christlichen 
Zeitrechnung errichtet, sind aus den Trümmern noch älterer und vollkommenerer Gebäude gebildet. So 
finden wir uns in eine Periode zurück versetzt, die zu fern von unserem Zeitalter ist, um uns in den Stand 
zu setzen die Spuren des Ursprungs der Kunst zu entdecken; und während wir die griechische, die römische, 
die byzantinische mit ihren Ausläufern, die arabische, die maurische und die gothische Baukunst in unmit- 
telbarer Folge von diesem grossen Mutterstamm abzuleiten vermögen, müssen wir von der Architektur 
Aegyptens annehmen, dass sie ein reiner Originalstyl ist, der zugleich mit der Cultur im Mittlern Afrika" 
entstand, durch zahllose Jahrhunderte seine Bahn verfolgte, um den culminirenden Punkt der Vollkom- 
menheit zu erreichen, und dann zur Stufe des Verfalls h-erabzusteigen, Worin wir ihn sehen. So sehr aber 
auch diese Stufe, ohne Zweifel, hinter der uns unbekannten Vollkommenheit ägyptischer Kunst zurückbleibt, 
so übertrifft sie doch bei weitem alles, was nachher folgte; die Aegypter stehen keinem, als sich selbst nach. 
In jeder andern Stylart können wir den raschen Aufschwung der Kunst verfolgen, von der Kindheit, die auf 
irgend einem den vergangenen Zeiten angehörigen Styl beruht, bis zum culminirenden Punkt der Vollkom- 
menheit, wo der fremde Einiluss modificirt oder ganz beseitigt wird, und dann abwärts zu einer Periode des 
langsamen, schleichenden Verfalls, der seine eigene Elemente aufzehrt. Im Styl der Aegypter aber haben 
wir keine Spur von Kindheit oder fremdem Einfiuss; wir müssen also glauben, dass sie ihre Eingebungen 
unmittelbar von der Natur schöpften. In dieser Ansicht werden wir bestätigt, wenn wir insbesondere die 
Ornamente der Aegypter betrachten; die Typen sind wenige an der Zahl, und laut-er N aturtypen, und die 
Darstellung weicht nur sehr wenig vom Typus ab. Je Weiter wir in der Kunst herabsteigen, desto mehr 
finden wir, dass man sich von den Originaltypen entfernt, bis es endlich in manchen Ornamenten, in den 
arabischen und maurischen zum Beispiel, ganz schwer wird, die ursprünglichen Typen zu erkennen, von 
welchen die Ornamente, durch wiederholte Geistesanstrengungen, nach und nach entwickelt worden sind. 
Der Lotos und der Papyrus, die an den Ufern ihres Flusses wachsen, und die Nahrung des Leibes und 
des Geistes sinnbildlich darstellen; die Federn seltener Vögel die den Königen als Embleme der Oberherr- 
schaft vorgetragen wurden; der Palmzweig, nebst dem aus dessem Stamme verfertigten gewundenen Seil: 
dies sind die wenigen Typen, die der ungeheuern Mannichfaltigkeit von Ornamenten zur Basis dienten, mit 
welchen die Aegypter die Tempel ihrer Götter, die Paläste ihrer Könige, die Kleidungen die sie bedeckten, 
ihre Artikel des Luxus, ja selbst die bescheidensten zum täglichen Gebrauch dienenden Gegenstände, zu 
schmücken pflegten, vom hölzernen Löffel, der ihnen zum Einnehmen der Speise diente, bis zum Boote das 
ihre ebenfalls verzierten einbalsamirten Leichen, nach ihrer letzten Heimath im Thale der Todten jenseits des 
Nils zu schaffen bestimmt war. Da sie sich in der Befolgung dieser Typen so nahe als möglich an der 
4' Im British Museum ist der Abguss eines Besreliefs von Calabshee in Nnbien zu sehen, welches die Siege Ramses II. über ein 
schwarzes Volk darstellt, wahrscheinlich die Aethiopier. Es ist bemerkenswerth, dass unter den von diesem Volke dem König als 
Tribut dargebmchten Gehen, ausser Leopardsfellen und seltenen Thieren, ausser Elfenbein, Gold und andernlErzeugnissen des Landes, 
sich auch drei geschnitzte elfenbeinerne Sessel befinden, und zwar in jeder Beziehung gleich dem Sessel, auf welchem der König sitzt, 
die Gaben zu empfangen. Dies scheint darauf hinzuweisen, dass diese höchst kunstvoll ausgearbeiteten Luxus Artikel von den Aegyptem 
aus dem Innern Afrikas bezogen wurden.
        

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