Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1866623
ITALIENISCHE 
ORNAMENTE. 
minder rein-decorativ, und im siebzehntem Jahrhundert verlor sich die Auffassungsweise der Arabesken 
ganz in dem Streben nach jenen verblümten Decorationsweisen, die mit den übertriebenen Ideen architec- 
tonischer Pracht übereinstimmten, welche die Jesuiten nährten und zu verbreiten suchten. In den Tagen 
Bertinis, und noch später zur Zeit des Borromini, schwelgte der Stuccatore triumphirend in Schnörkeln 
aller Art, während es dem decorativen Maler höchstens vergönnt war die perspectiven Schalkhaftigkeiten 
des Padre Pozzo und seiner Schule, im beschränkten Raum zwischen den Hatternden Flügeln und an dem 
Faltenwurf der Engel anzubringen, die von den gewölbten Decken und Kuppeln in der Luft herabhingen. 
Ehe wir vom Gegenstand der Arabesken gänzlich scheiden, dürfte es rathsam sein auf einige Anomalien 
in den verschiedenen Localansichten derselben hinzuweisen. Es lässt sich wohl annehmen, dass der Einfluss 
der alten Reste auf den Localstyl jener Ortschaften am deutlichsten wirkte wo diese Ueberbleibsel sich am 
häufigsten vorfanden. Daher die Schule der Arabesken zu Rom der Antike viel näher steht als in Mantua, 
Pavia und Genua, wo sich besondere Typen und Einwirkungen kund thun. So kann man_ zum Beispiel 
das- zu Mantua herrschende Ornamentationssystem in zwei verschiedene Schulen abtheilen, nämlich in die 
Schule der Natur und in die der kraftvollen, beinahe an Caricatur grenzenden conventionellen Auffassung, 
die als ein Widerschein des beliebten römischen Heidenthums, von Giulio Romano eingeführt worden war. 
Im verlassenen Palazzo Ducale verbleichen täglich mehr und mehr die anmuthvollen Fresken, von denen wir 
Tafeln LXXXVII. und LXXXVIII. zahlreiche Darstellungen gegeben haben, und die grösstentheils auf 
weissem Grund ausgeführt sind. Blumen, Blätter und Ranken winden sich um einem Centralstamm, wie 
in Fig. 7 und 9, Tafel LXXXVII., und in diesen Fällen schien der Künstler seine Eingebungen an der 
begeisternden Quelle der Natur geschöpft zu haben. In andern Beispielen aber, wie in Fig. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 
derselben Tafel, aussert sich ein rein conventioneller Styl in welchem die Hand des Künstlers dem Spiel 
seiner- wunderlichen Laune folgend, sich in Reihen von Schnörkeln und Krümmungen erging, die sich zwar 
unablässig wiederholen, doch nur selten einförmig erscheinen, deren Hauptpunkte mittelst Blumenkelche 
hervorgehoben werden, während die vorziiglichsten Hauptlinien derselben von parasitischem Schmarotzerlaub 
verziert und hier und da gebrochen werden.  
 In den Beispielen 1, 2, 4, 5, Tafel LXXXVIIL, zeigt sich ein deutlicher Unterschied in den Decora- 
tionen eines und desselben Gebäudes. In diesen Fällen hat sich der Künstler noch weiter von der Natur 
entfernt, dabehaber aüchieine noch malerischere Darstellungsweise an den Tag gelegt als in den frühern und 
reinern llllustern. Wir wollen keineswegs behaupten, dass es unmöglich sei den höchsten Ausdruck 
architektonischer Schönheit mittelst ganz conventionell aufgefasster Ornamente zu erlangen, nur müssen 
dergleichen Ornamente, wenn sie einen angenehmen Eindruck machen sollen, einfach und flach, im Bezug 
auf Licht, Schatten und Farbe, behandelt werden. Im. selben Verhaltniss als die Elemente eines Orna- 
menfs mehr oder -weniger vom gewöhnlichen Ansehen der Natur abweichen, muss auch die Darstellung 
derselben verschieden sein. Daher die feinen Arabesken der Tafel LXXXVII., in welchen die Formen der 
in den Gärten und auf den Feldern wachsenden Pflanzen in freien Skizzen nachgebildet worden sind, einen 
gewissen Grad zarter Modellirung und zufälligen Effeots rechtfertigen, der uns in den absolut conven- 
tionellen Beispielen der Tafel LXXXVIII., als ungerufen und kraftlos erscheint. In dem Gewühle von 
Linien, in den flatternden Bändern und in den undeutlichen juwelenartigen Formen der Fig. 5, so wie in 
den einförmigen Masken und Narrenkappen, N0. 1 (Tafel LXXXQ, zeigt sich schon die Tendenz zur 
Caricatur, welche die Leistungen so sehr entstellt die das Genie des Romano mit so meisterhafter Gewalt, 
aber unglücklicherweise mit zu grosser Ueberschwänglichkeit, schuf. So lange die üppige Fülle seiner 
Fantasie durch den Umgang mit Künstlern von feinerem Geschmack im Zaum gehalten wurde, wie in der 
Villa. Madama und in seinen andern römischen Werken, war wenig dagegen einzuwenden; als er aber später 
in Mantua 
" Grau Signore 7' 
wurde, 
da. liess 
vom Rausche 
seiner Eitelkeit überwältigen, und 
er mischt-e mit dqm Schönen so manches das höchst lächerlich war. 
Die Beispiele 
seiner Arabesken, die 
wir Tafel LXXXVIII. zusammengestellt haben, illustriren zugleich 
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