Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1866092
ORNAMENTE 
RENAISSANCE. 
Ingenieur und Kunstforscher als ein Dekorationskünstler war. Ueberdies zeigt dieses Gebäude, nebst vielen 
wirklich classischen Zügen, so viel unverkennbar burgundische Arbeit, dass es ebenso ungerecht Wäre, die 
Ausführung desselben auf Rechnung des Giocondo zu setzen, als es unbillig sein würde Frankreich die 
Ehre absprechen zu wollen, sein erstes grosses Werk der Renaissance einem einheimischen Künstler zu 
verdanken. Dass dem wirklich so sei, erhellt aus den von Herrn Deville in 1850 veröffentlichten Berichten, 
aus welchen deutlich hervorgeht, dass der Franzose Guillaume Senault der Architekt und Maurermeister 
des Schlosses Gaillon war. Doch wäre es nicht unmöglich, dass der Cardinal beim Entwurf des Gebäudes 
den Giocondo zu Rath gezogen haben möge, während dem Senault und seinen Gehiilfen, meistens Fran- 
zosen, die Ausführung der Details überlassen wurde. Unter den Italienern, welche beim Werke thätig 
waren, nennen wir als den vorzügliehsten den Bertrand de Meynal, der, dem Styl nach zu urtheilen, einige 
der classischsten Arabesken ausgeführt hat. Derselbe Künstler hatte den Auftrag, den prächtigen vene- 
tianisehen Brunnen von Genua nach Frankreich zu schaffen, der als Becken des Schlosses Gaillon wohl 
bekannt ist und sich gegenwärtig im Louvre befindet. Wir haben einige zierliche Ornamente von diesem 
Becken, Tafel LXXXI., Fig. 27, 30, 34, 38, dargestellt. Colin Castille, der in dem Verzeichniss der 
Kunstarbeiter als "tailleur ä. Pantique" besonders genannt wird, mag wohl ein Spanier gewesen sein, der 
seine Kunst in Rom studirt hatte. Jene Theile der Arbeit, welche nicht burgundischen St-yles sind, sind 
in ihren wesentlichsten Zügen rein und geläutert und unterscheiden sich kaum von den vorzüglichen 
italienischen Mustern. 
Das erste französische Denkmal aber, Worin sich Symmetrie des baulichen Entwurfes mit meisterhafter 
Ausführung der Details vereinte, war das, gegenwärtig zu St. Denis by Paris befindliche Monument Lud- 
wigs XII., eines der prächtigsten des sechzehnten Jahrhunderts. Dies herrliche Kunstwerk wurde zwischen 
1518 und 1530, auf Befehl Franz des Ersten, von Jean Juste de Tours ausgeführt. Die nackt dargestellten 
Bildsäulen des königlichen Paares sind von zwölf halbkreisförmigen Bögen umgeben; unter jedem Bogen 
steht die Bildsäule eines Apostels; in den vier Ecken sieht man vier Statuen, die Gerechtigkeit, die Stärke, 
die Klugheit und die Weisheit vorstellend ; das Ganze wird von zwei Bildsäulen des Königs und der 
Königin in knieender Stellung gekrönt. Die Basreliefs zeigen den Triumpheinzug Ludwigs in Genua, 
sowohl als die Schlacht von Aguadel, wo sich der König durch seine persönliche Tapferkeit auszeichnete. 
Man hat dieses Monument Ludwigs XII. dem Trebatti (Paul Ponee) zuschreiben wollen; doch ist diese 
Muthmassung falsch, indem das Denkmal vollendet war ehe dieser Künstler nach Frankreich kam, wie 
folgender Auszug aus den königlichen Archiven unwiderlegbar beweist. Franz I. schreibt nämlich an den 
Cardinal Duprat, wie folgt  I1 est deu a Jehan Juste, mon sculpteur ordinaire, porteur de ceste 1a 
sornrne de 400 escus, restant des 1200, que je lui avoie pardevant or donnez pour la menage et conduite de 
la ville de Tours au lieu de St. Denis en France, de la sculpture de marbre de feuz Roy Loys et Royne 
Anne, 8m. Novembre 1531." 
Ebenso merkwürdig als das Grabmal Ludwigs XIL, sind die zur selben Zeit ausgeführten prächtigen 
Schnitzereien in H0ch- und Flachrelief, welche die ganze Aussenseite des Chors der Kathedrale zu Chartres 
verzieren. Die Motive sind aus dem Leben unseres Heilands und der heiligen Jungfrau entnommen, und 
bilden im Ganzen ein und vierzig Gruppen, von denen vierzehn die Arbeit des Jean Texier sind, der die- 
selben im Jahre 1514 begann, nachdem er den ihm zur Anfertigung übertragenen Theil des Thurms vollen- 
det hatte. Diese Compositionen zeichnen sich durch richtige Auffassung und Schönheit aus, die Figuren 
sind belebt und natürlich, der Faltenwurf ungezwungen und anrnuthig, und die Köpfe voll lebhaften Aus- 
drucks; den schönsten Theil der ganzen Composition aber, bilden die Arabeskenverzierungen, Welche die 
hervorragenden Theile der Pilaster, der Friese und der Gliederungen an der Basis beinahe gänzlich bedecken. 
Diese Ornamente sind ganz winzig, so dass selbst die grössten unter den Gruppen, welche sich an den 
Pilastern angebracht befinden, nicht mehr als acht bis neun Zoll breit sind. Blattwerk, Baumzweige, 
Vögel, Brunnen, Waifengruppen, Satyren, militärische Insignien und Werkzeuge der verschiedenen Künste 
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