Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1865606
KELTISCHE ORNAMENTE. 
Handschriften teutonischen Ursprungs seien, 
indem im Norden 
Deutschland 
durchaus 
keine 
Spur von 
ähnlichen Kunstwerken zu finden ist. 
Ueber die Quelle, aus welcher die ersten Christen ihre eigenthümlichen Verzierungsweisen ableiteten, 
sind allerlei Muthmassungen aufgestellt worden. Manche Schriftsteller, die die Unabhängigkeit der 
alten brittischen und irischen Kirche durchaus abläugnen wollen, behaupten sogar, dass einige der grossen 
Stein-Kreuze Irlands in Ialien verfertigt worden seien. Diese Behauptung verwerfen wir um so bestimmter, 
als Italien kein einziges, früher als vom neunten Jahrhundert herrührendes Manuscript, und auch gar keine 
Steinarbeiten aufzuweisen hat, die die geringste Aehnlichkeit mit denen dieses Landes besitzen. Man darf 
nur das neulich von der französischen Regierung herausgegebene Werk über die Catacomben von Rom zu 
Rath ziehen, worin alle die Wand-Zeichnungen und Inschriften der ersten Christen mit grösster Sorgfalt 
reproducirt sind, um zur Ueberzeugung zu gelangen, dass die altchristliche Kunst und Ornamentation von 
Rom keinen Theil an der Entwickelung der Kunst in diesen Inseln hatte. Man findet zwar in den von 
uns erwähnten würfeligen Prachtseiten der Manuscripte eine gewisse Aehnlichkeit mit den Mosaikfussböden 
der Römer; und wenn diese verzierten Seiten nur in angelsächsischen Handschriften vorkämen, könnte man 
dem Gedanken Raum geben, dass die römischen Mosaiken, deren es unläugbar in England gab, und die im 
siebenten und achten Jahrhundert wohl noch nicht mit Schutt überdeckt waren, den Schriftmalern zum 
Vorbild gedient haben mochten; doch sind es die irischen, und die unter irischern Einfluss verfertigten 
Manuscripte, welche die vollkommensten und vollendetsten dieser Prachtseiten enthalten, und in Irland 
giebt es keine römischen Mosaikböden, da. die Römer nie nach jener Insel gekommen Waren. 
Man könnte auch behaupten, dass die Bandgeschlinge von den römischen Mosaiken hergeleitet seien, 
wäre es nicht, dass die römischen Verschlingungen so einfach als nur möglich Waren, und mit solchen ver- 
wickelten Knotenverschlingungen, wie man Tafel LXIII. dargestellt findet, durchaus keine Aehnlichkeit 
haben. Die römischen Bänder sind bloss wechselweise über einander hingelegt, während die keltischen mit 
einander verlcvwlipft sind. 
Andere Schriftsteller wollen diesen Ornamenten einen scandinavischen Ursprung geben; und wirklich 
werden diese Ornamente immer mit der Benennung von Runenknoten bezeichnet und mit gewissen scandi- 
navischen abergläubischen Traditionen verbunden. Es ist unläugbar, dass in der Isle of Man und auch 
zu Lancaster und Bewcastle manche runische Inschriften auf Kreuzen vorkommen, die mit den oben beschrie- 
benen eigenthümlichen Ornamenten verziert sind. Da jedoch die Scandinaven von Missionären dieser 
Inseln zum Christenthum bekehrt wurden, da. überdies unsere Kreuze den gegenwärtig in Norwegen und 
Dänemark befindlichen Kreuzen gar nicht ähnlich sind, 
endlich, 
diese letztem 
mehrere 
hunderte jünger sind als 
ältesten 
schönsten 
IIIISGI 81' 
lüanuscripte, so 
Grund 
vorhanden, 
seandinavischen 
Tafeln mit den 
warum man annehmen sollte, dass die Ornamente dieser Handschriften 
Um eine solche Behauptung zu widerlegen, vergleiche man nur unsere 
Ursprungs seien. 
Illustrationen der 
alt-scandinavischen Reste im Museum 
Oopenhagen, die 
neulich 
erschienen 
sind? 
Unter 
diesen 
Illustrationen giebt es nur eine einzige Figur (N0. 398), 
den Mustern 
Manuscripte 
IIDSGTGT 
ähnlich 
und diese erklären wir ohne Anstand für einen Rest irischer Arbeit. 
Dass die scandinavisehen Künstler sich 
die keltische Omamentationsweise, wie diese zu Ende des zehnten und während des elften Jahrhunderts aus- 
geübt wurde, zugeeignet haben, erhellt aufs deutlichste aus der Aehnlichkeit die zwischen den geschnitzten 
hölzernen Kirchen der Scandinaven (illustrirt von Herrn Dahl) und den irischen Metallarbeiten derselben 
Epoche herrscht, wie man am Kreuz von Cong, im Museum der königlichen irischen Academie zu Dublin, 
bemerken kann.  
i: In der Abtheilung, welche in diesem dänischen Werke der Bronze-Epoche gewidmet ist, finden sich verschiedene spiralförmige 
Ornamente auf Metallerbeiten, aber immer in der Richtung eines (I) und mit wenigen unkünstlerischen Modiiicationen. In der 
zweiten Abtheilung, der Eisenperiode gewidmet, finden sich wohl Beispiele von fantastisch verschlungenen Thieriiguren auf Metall- 
arbeiten. Doch nirgends sieht man die verschlungenen Bandmuster, die diagonalen Z-ähnlichen oder die trompetenförmigen 
Spiralmuster. 
c c 97
        

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