Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1865564
KELTISCHE ORNAMENTE. 
festen Fuss gefasst hatte, ja sogar, dass die alten brittischen Religionslehrer in manchen wichtigen Lehr- 
punkten von diesem Abgesandten des grossen St. Gregorius abwichen. Dies ergeht aufs deutlichste aus 
manchen noch erhaltenen künstlerischen Leistungen. St. Gregorius schickte nach England mehrere 
Exemplare der heiligen Schrift, von denen gegenwärtig noch zwei vorhanden sind: eins in der bodläischen 
Bibliothek zu Oxford, und das andere in der Bibliothek des Corpus Christi College zu Cambridge. Beide 
diese in Italien verfertigte Evangelienbücher sind in der runden, in jenem Lande gebräuchlichen Handschrift 
geschrieben, und ohne alle Verzierung. Selbst die grossen Buchstaben am Anfang eines jeden Evangeliums 
unterscheiden sich kaum von der übrigen Schrift des Textes; doch sind die ersten zwei Zeilen mit rother 
Tinte geschrieben, und vor jedem der Evangelien befand sich das Bildniss des Evangelisten (von welchem 
jedoch nur das des heiligen Lucas erhalten ist), der sitzend dargestellt war unter einem runden auf Marmor- 
pfeilern ruhenden Bogen, mit classisch angeordnetem Blattwerk verziert. S0 verhält es sich mit den 
meisten alten italienischen Handschriften, die ganz von Verzierungen entblösst sind. 
Wie ganz anders ist es aber in jenen ältesten Manuscripten von denen man gewiss weiss, dass sie in den 
brittischen Inseln geschrieben wurden. Auf diese Handschriften stützen wir hauptsächlich unsere Theorie 
des unabhängigen Ursprungs der keltischen Ornamente, deshalb erachten wir es für nöthig uns auf einige 
paläographische Details einzulassen, zum Beweise des hohen Alterthums dieser unschätzbaren Documente, 
da so mancher Zweifel über deren ehrwürdige Antiquität geäussert worden ist. Es ist wahr, dass die Hand- 
schriften nicht datirt sind, doch findet man in manchen derselben die Namen der Schreiber, und diese Namen 
haben wir in den frühesten Annalen identiiicirt, wodurch wir in den Stand gesetzt wurden, die Epoche zu be- 
stimmen, in welcher das Manuscript verfertigt worden ist. Auf diese Weise ist es mit hinlänglicher Sicher- 
heit bestimmt worden, dass die autographischen Evangelien von St. Columba, das Leabhar Dhimma oder Evan- 
geliarium des St. Dimma Mac N athi, die bodläischen von Mac Regol geschriebenen Evangelien und das Buch 
von Armagh, spätestens aus dem neunten Jahrhundert herrühren. Ein anderer ebenso befriedigender Beweis 
des hohen Alterthums dieser Bände ergeht aus der unvergleichlichen Sammlung der gleichzeitigen angelsäch- 
sischen F reiheitsbriefe, von der Hälfte des siebenten Jahrhunderts bis zur normannischen Eroberung, die sich 
im brittischen Museum und in andern Bibliotheken befinden, denn, wie Astle bemerkt, "obgleich die Frei- 
heitsbriefe freier und iiiessender geschrieben sind als die Bücher derselben Zeitalter, so ist doch die Aehn1ich- 
keit zwischen den Freiheitsbriefen und den im selben Jahrhundert geschriebenen Büchern ganz unverkenn- 
bar, und sie authentisiren sich gegenseitig." Man vergleiche z. B. das Cottonische MS. Vespasian, A 1, welches 
allgemein als der Psalter des heiligen Augustin bekannt ist, mit den Freiheitsbriefen des Sebbi, Königs der 
Ostsachsen, vom Jahre 670 (Casley's Uatal. of MSS. p. xxiv.), oder mit dem des Lotarius, Königs von Kent, 
datirt von Reculver, im Jahre 679; und andererseits wieder den Freiheitsbrief Aethelbald's 769, mit den 
Evangelien Mac RegoPs oder St. ChadÄs, so wird man unfehlbar zum Schluss gelangen, dass die Manuscripte 
und die Freiheitsbriefe gleichzeitig sind. 
Ein drittes Zeugniss der grossen Antiquität unserer alten NationaI-Manuscripte lässt sich aus dem Um- 
stand ableiten, dass viele dieser Handschriften noch an verschiedenen Orten im Auslande aufbewahrt werden, 
wo sie die irischen und sächsischen Missionäre vor Zeiten eingeführt hatten. 
Dass unsere Landsleute zahl- 
reiche Klöster in den verschiedenen Theilen Europas gestiftet haben, wird in der Geschichte hinlänglich 
beurkundet; und als Beispiel dürfen wir nur den Irländer St. Gallus anführen, dessen Name nicht nur 
dem von ihm gegründeten Kloster, sondern dem ganzen schweizerischen Canton beigelegt wurde, in welchem 
das Kloster gelegen ist. Unter den gegenwärtig in der öffentlichen Bibliothek gesammelten Büchern jenes 
Stiftes, befinden sich einige der ältesten Manuscripte von Europa, nebst einer Anzahl von Bruchstücken aus 
mehreren prächtig verzierten Bänden, die in den brittischen Inseln verfertigt, und lange als Reliquien des 
Stifters zu St. Gallen heilig verehrt Wurden. Ebenso wird das Evangelienbuch des heiligen Bonifaz zu 
Fulda mit frommer Sorgfalt aufbewahrt. Das Evangeliarium des Irländers St. Kilian, des Apostels von 
Franken, wurde, mit seinem Blute gefärbt, in seinem Grabe entdeckt, und wird seit dieser Zeit zu Würzburg 
B B 93
        

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