Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1865434
CHINESISCHE 
ORNAMENTE. 
auf der 
ersten 
Civilisat-ion 
stehende 
erreicht, 
Kunst, 
einmal 
schreitet weder vor noch 
rückwärts. 
Begriff 
reinen 
Form 
stehen 
selbst 
den N eu-Seeländern 
nach, doch 
besitzen 
sie, im Gemein 
morgenlälndischen 
Nationen, den 
glücklichen 
Instinkt 
Farben in gefälliger Harmonie zu verschmelzen. 
Diese 
Eigenschaft übrigens, stand bei ihnen zu erwarten, 
indem dieselbe mehr eine angeborne Fähigkeit als ein erlangtes Talent bildet; 
die gehörige Würdigung der 
reinen Form hingegen erfordert die Aeusserung eines feinern Vermögens, und ist entweder das Ergebniss 
eines sehr hoch begabten natürlichen Instinktes, oder entsteht aus der Entwickelung der primitiven Ideen, 
die allmälig durch mehrere Generationen von Künstlern verbessert und 
endlich 
höchsten Vollkommen- 
heit gefördert werden. 
Zwar zeichnen sich 
manche 
chinesisch e 
Porzellanvasen 
Schönheit 
Contouren 
allgemeinen Form 
aufs vortheilhafteste aus, doch übertreffen sie hierin keineswegs die rauben Wasserflaschen 
von porösem Thon, die der arabische Töpfer, ohne je eine Kunsterziehung genossen zu haben, täglich an den 
Ufern des Nils verfertrigt, ohne andern Beistand als den anmuthsvollen Instinkt der seinem Stamme eigen 
Ueberdies geschieht es oft, dass 
Chinesen 
Form 
Vasen 
durch 
Auflage 
grotesker 
gänzlich 
Verzierungen 
und bedeutungsloser 
diese Ornamente, anstatt 
zerstören, und 
Oberfläche 
entspringen, werden bloss auf dieselbe angeheftet: woraus wir schliessen zu dürfen glauben, dass die Chinesen 
einer gehörigen Würdigung der Form fähig sind, 
doch nur in einem geringen Grade. 
In ihren gemalten sowohl als gewobenen Decorationen verrathen die Chinesen kein höheres Kunstgeiiihl 
als gerade einer primitiven Nation eigen ist. Am besten glückt es ihnen in Zeichnungen, denen eine 
geometrische Combination zur Basis dient, und zwar nur in Mustern die aus gleichen sich durchschneiden- 
den Linien gebildet sind; sobald sie aber von diesen Mustern abweichen, verrathen sie nur sehr geringe 
Kenntniss in der Eintheilung der Flächenräume. Ihr natürlicher Instinkt der Farbenharmonie setzt sie in 
den Stand die Formen gewisserinassen zu balanciren, welches ihnen aber minder gut gelingt, wo sie der 
Hiilfe der Farben entbehren. Die Buntmuster der Tafel LIX. liefern uns mehrere erläuternde Beispiele. 
Die Muster 1, 8, 13, 18, 19, auf Zeichnungen gegründet, die durch die Beschaffenheit ihrer Gestalt nothwendig 
eine gleiche Vertheilung bedingen, sind vollkommener als die Muster 2, 4-7, 41, deren Anordnung mehr 
der Laune überlassen ist; die Nummern 28, 33, 35, 49 hingegen, und alle andern auf derselben Tafel dar- 
gestellten Muster 
dieser 
Art, sind 
Zeichnungen, in 
denen 
Einklang 
Massen 
durch 
richtige 
Balaneiren der Farben gesichert wird, ein Talent, welches die Chinesen 
instinktartig 
besitzen 
immer mit der Quantität der 
Indiern gemein haben, besonders in den gewobenen Zeugen, wo der Grrundton 
darauf angebrachten Verzierungen im harmonischsten Einklang steht. 
Dass die Chinesen tüchtige Co1oris- 
ten sind, unterliegt keinem Zweifel, denn sie verstehen es, die reichsten Farben so wie 
zartesten 
Schat- 
tirungen mit demselben glücklichen Erfolg zu balanciren. 
Sie behandeln übrigens aufs meisterhafteste, nicht nur 
Grundfarben, sondern 
secundären 
und die tertiären, besonders aber die 
hellem 
Tinten 
reinen 
Farben 
denen 
blassblau, 
blassroth 
und blassgrün am häufigsten vorkommen. 
Ausser den geometrischen Mustern haben die Chinesen 
wenige 
rein verzierende 
COIIVBD- 
tionelle Formen. 
Einige Beispiele dieser Art 
finden 
jedoch 
Mustern 
Aber man sucht vergebens die in andern Stylarten so 
häufig 
vorkommenden, fliessenden 
eonventionell 
handelten Ornamente, und ain ihrer 
Stelle 
ündet 
man Darstellungen 
natürlicher Blumen 
mit Linienzeich- 
nungen 
LXII. 
durchzogen, wie N0. 17, 18, Tafel LXI., oder natürlicher Früchte, wie in den Mustern der Tafel 
Doch in keinem Falle erlaubt ihnen ihr Instinkt die gehörige Grenze zu überschreiten, und daher 
wird bei ihnen nie, wie das bei uns so oft geschieht, der Einklang 
durch Schatten oder Schattirungen beein- 
trächtigt, so unnatürlich und unkünstlerisch auch ihre Anordnungsweise sonst gewöhnlich ist. In ihren 
gedruckten Papiertapeten werden Gestalten, Landschaften und Ornamente so weit conventionell behandelt, 
daselysie das Gefühl des Beschauers nie, durch Uebertretung der gehörigen Grenzen der Decoration,
        

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