Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1863373
ORNAMENTE 
WILDEN 
STAEMME. 
Wunsch äussert sich überall, indem wir höher liinaufsteigen, von der Verzierung des rohen Zeltes oder 
Wigwams bis zu den erhabenen Werken eines Phidiasbder Praxiteles: des Menschen höchster Ehrgeiz ist 
noch immer zu schaffen, und dieser Erde den Stempel des individuellen Geistes einzuprägen. 
Von Zeit zu Zeit gelingt es einem Manne von kräftigerem Verstand als seine Zeitgenossen, das Gepräge 
seines Geistes einer ganzen Generation aufzudrucken und eine Menge anderer minder kräftiger Naturen 
mit sich fortzureissen, die ihm auf seiner Bahn fol- 
 D en doch nie so anz enau um den individuellen 
Tier-u g ,  g g   
   Ehrgeiz des Schaffens aufzuheben; auf diese Weise 
 D. entstehen die Stylarten und deren Modificationen. 
   Die Bestrebungen der Volker die erst auf der nied- 
(Ä  im   Xi rigsten Stufe der Cultur stehen, gleichen denen der 
 tztl, r; l? rliilt    ll K" d  r mt 'h K a be' ie b  
  Jul!!!   p! yy   in er, es e i nen zwar an  ra , a i s !e 
f; 32;, y   Y, 5 sflgylll! sitzen eine Anmuth, eine Naivetat die man selten 1m 
  ll"   mittlern Alter nie aber im vorgerückten abnehmen- 
  "rlwly  qwiillcs. i e 
      iixiiwd! alll.i'  den Mannesalter, antrifft. Eben so verhält es sich 
               
319  glflllllulfläliiiiuevfllllllllliilliiÄ-lll- a!    mit der Kindheit einer Kunst. Qmabue und Giotto 
1.  M.llllliilllliiliillrßilllw.   besitzen weder den materiellen Zauber Raphaels 
 JE .73üflllixifllällla  all: "i"    litt  f noch die mannhafte Kraft Michelangelos, aber sie 
 lxi fifiülßllißääliri llliliulglqlll-qllfläfi  M f lh     
     i. nyiigüulilllr!!m'Ülwääxüäxx  M;  a]  ß übertreffen den einen und den andern an 221W 
  wlixff!       l!  gbxy!!! f  i!"   1,1, 
K]!   lll)  ilxp. im  muth und an ernsthafter Wahrheit. Der Reichthunliq 
  v.  der zu Gebote stehenden Mittel führt zum Miss- 
    13Fiiillfriililiilßllüß,'     M    
    E!    brauche derselben: es gluckt der Kunst so lange S19 
   ljl k l.  ll lllsilrliÄli-jllii-iißri zu käm fen hat- wenn sie aber im Genusse ihres 
  i      f]:  ',u'llllllllli' P i  au; 
(i'll, lt. .1 xilal  Erfolgs schwelgt, verlässt das Glück sie und alles 
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   ijW.  schlagt fehl. Das Vergnugen das wir beim Betrach- 
i 319-. 'iij"ii'lilß   s'il {Will    
    1', ten der rohen Verzierungsversuche der meisten W1l- 
         
   f-Ivllllllyl   den Stamme empfinden, hat seinen Ursprung in un- 
Kopfemes WeibeSvwNeu seelandmn Museumzuohesten serer Würdigung der Schwierigkeit einer glücklich 
vollbrachten Aufgabe; wir sind entzückt von der 
Augenscheinlichkeit der Absicht, und erstaunt zugleich über das einfache und sinnreiche Verfahren mittelst 
dessen das Resultat erlangt worden ist. Was wir in jedem Kunstwerke, bescheiden oder anspruchsvoll, 
hauptsächlich suchen, ist die Aeusserung des Geistes-das Zeugniss jener bereits oben erwähnten Lust 
zum Schaffen, und alle die einen natürlichen Instinkt inne haben, sind erfreuet, wenn sie denselben bei 
Andern entwickelt finden. Es ist auffallend, aber doch ganz wahr, dass diese Aeusserung des Geistes sich 
leichter in den rohen Ornamentsversuchen eines wilden Stammes entdecken lässt, als in den unzähligen 
Erzeugnissen einer hoch entwickelten Cultur. Die Individualität nimmt ab, im Verhältniss wie das Ver- 
mögen des Hervorbringens zunimmt. Wenn die Kunst durch vereintes Bestreben erzeugt wird, und nicht 
aus der individuellen Maehtanstrengung entsteht, so vermisst man darin iene wehrhaften Instinkte die 
deren grössten Reiz ausmachen. 
Tafel I. Die Ornamente dieser Tafel sind 
Theilen 
verschiedener, meistens 
Baumrinden 
fertigter Kleidungsstücke. Muster 2 und 9 sind von einem Kleide das Herr Oswald Brierly von der Insel 
Tango-Tabu, der vorziiglichsten in der Gruppe der Freundschaftsinseln, mitgebracht. hat. Es ist aus den 
dünnen Schichten der innern Rinde der Borke einer gewissen Species des Altheabaumes verfertigt, die flach 
geschlagen und zusammengestellt werden um ein Parallelogramm des Stoffes zu bilden, der als Unterrock 
mehrere Male um den Leib gewickelt, so dass Brust, Arme und Schultern entblösst bleiben, die einzige 
Bekleidung der Eingebornen bildet. "Es kann nichts primitiveres geben, und doch offenbart die Anordnung
        

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