Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1865332
ORNAMENTE 
HINDUS. 
die sich noch in Aegypten befinden, und auch die zuverlässigem, in letzterer Zeit herausgebenen Darstel- 
lungen, haben endlich den hohen Werth ägyptischer Kunst über jeden Zweifel hinausgestellt, und derselben 
die ihr gebührende Stellung in der Achtung des Publicums eingeräumt. 
Etwas ähnliches müsste auch zu Gunsten der alten Architektur von Indien geschehen, und dann erst 
wären wir im Stande mit besserer Sachkenntniss zu beurtheilen, ob und wie weit diese einen Rang unter 
den wirklichen schönen Künsten einzunehmen berechtigt sei, oder 0b wir von den Hindus glauben 
müssen, dass sie nichts verstanden als Steine auf einander zu häufen und sie mit grotesken und barbarischen 
Bildhauereien zu verzieren. 
Wenn wir vom Parthenon, von den Tempeln zu Balbeck und Palmyra nur gemalte Ansichten besässen, 
würden wir ohne Zaudern erklären, dass die Römer viel grössere Baukünstler waren als die Griechen. Aber 
die Contouren eines einzigen Gesimses vom Parthenon würden ohne Weiteres dieses Urtheil umändern und 
laut verkünden, dass das Werk, welches wir betrachten, einer Nation angehört, Welche den höchsten Gipfel 
der Civilisation und Verfeinerung erreicht hatte. 
Obgleich die Verzierung bloss die Gehülfin der Baukunst sein soll, und weder den Platz der architek- 
tonischen Bautheile usurpiren noch diese durch Ueberladung verdecken darf, so bleibt sie doch, unter allen 
Umständen, die belebende Seele eines architektonischen Denkmales; denn in den Ornamenten allein offen- 
bart sich die Sorgfalt und die Geistesanstrengung, die der Vollendung des Kunstwerkes gewidmet wurde. 
Alle baulichen Theile eines Gebäudes können das Ergebniss des Lineals und des Zirkels sein; in den Ver- 
zierungen einer Baute allein zeigt es sich am deutlichsten ob der Architekt auch zugleich ein Künstler war. 
Wer den Versuch über die Baukunst der Hindus von Ram Razäi gelesen hat, kann sich des Gedankens 
nicht erwehren, dass die Hindus einen höhern Grad der Vollkommenheit in der Baukunst erreicht haben 
müssen, als die bisher veröffentlichten Werke zu rechtfertigen scheinen. In diesem Werke finden sich nicht 
nur genaue Regeln über die allgemeine Anordnung der Bauten, sondern auch die umständlichsten An- 
weisungen zur Abtheilung und Unterabtheilung eines jeden Ornamentes. 
 Eine der von Ram Raz aufgezeichneten Lehren verdient wohl hier angeführt zu werden: " Weh den- 
jenigen die ein Haus bewohnen, welches nicht nach den Verhältnissen der Symmetrie erbauet worden ist. 
Daher sollen bei der AuHührung eines Gebäudes alle einzelne Theile desselben, vom Grunde bis zum Dache 
hinauf, gehörig beachtet werden." 
Unter den Anweisungen zur Erhaltung des richtigen Ebenmasses in den verschiedenen Verhältnissen 
der Säulen, Basen und Kapitläle, Endet sich auch eine Regel, zur gehörigen Verjüngung des obern Durch- 
messers einer Säule im Verhältniss zum untern. 
Ram Raz berichtet, dass die allgemeine, von den Baukünstlern der Hindus befolgte Regel darin bestand, 
den Diameter an der Basisder Säule in ebenso viele Theile abzutheilen, als es verschiedene Durchmesser in 
der ganzen Höhe der Säule gab. Von diesen Theilen wurde immer einer abgezogen, und die übrigen bildeten 
den obern Durchmesser. Die Folge war natürlicherweise, dass eine Säule um so weniger nach oben hin 
abnahm, je höher sie War; und dies geschah, weil die Verjüngung des Durchmessers in Säulen desselben 
Verhältnisses ohnehin schon um so bedeutender erscheint, je höher die Säule ist. 
Die besten Muster der Ornamente der Hindus, die uns zu Gebote standen, haben wir auf Tafel LVI. dar- 
gestellt. Diese sind einer Bildsäule der Surga, oder Sonne, entnommen, die sich im Hause der Asiatic Society 
befindet, und gehören, wie man glaubt, einer zwischen dem fünften und dem neunten Jahrhundert fallenden 
Epoche an. Diese Verzierungen sind meisterhaft ausgeführt, und verrathen unverkennbar griechischen 
Einfluss. N o. 8 stellt einen Lotos dar, den die Gottheit in der Hand hält; die Blume selbst ist, so zu sagen, 
im Abriss vorgestellt, Während die Knospen im Seitenaufriss erscheinen. 
In den heiligen Büchern die von Ram Raz angeführt werden, befinden sich verschiedene Unterweisungen 
zur Verzierung der verschiedenen architektonischen Glieder mit Lotosblumen und Juwelen, welche die 
Haupt-Typen in der Verzierung der Simsgliederungen bilden. 
"History of the Al-chitecture of the Hindüs; 
by Ram Raz. 
London, 1834.
        

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