Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1865117
INDISCHE 
ORNAMENTE. 
In den Werken der verschiedenen, in der Ausstellung repräsentirten europäischen Nationen suchte man 
vergebens irgend ein allgemeines Principium in der Anwendung der Kunst auf die Gewerbserzeugnisse : 
von einem Ende des ausgedehnten Gebäudes bis zum andern fand man nichts als ein fruchtloses Streben 
etwas Neues hervorzubringen, ohne alle Rücksicht auf die erforderliche Angemessenheit. Der Entwurf der 
Zeichnungen beruhete auf einem System der Nachahmung und der verkehrten Anwendung der Schönheits- 
formen aller möglichen veralteten Kunststylarten vergangener Zeitperioden, und nirgends äusserte sich 
das geringste Bestreben eine Kunst zu schaffen, die mit unsern gegenwärtigen Bedürfnissen und Mitteln 
im Einklange sei; der Steinhauer, der Metallarbeiter, der Weber und der Maler scheinen sich darin gefallen 
zu haben, gegenseitig von einander zu borgen, um die den verschiedenen Fächern angehörigen entlehnten 
Formen verkehrt anzuwenden. Im Gegensatz zu dieser Verwirrung fand man in den Sammlungen an den 
vier Ecken des Kreuzganges, alle die Principien, all den Einklang und die wahre Auffassung die man sonst 
überall vermisste: denn diese Sammlungen gehörten Völkern an, deren Kunst mit ihrer Civilisation auf- 
gewachsen ist, und, im Verhältniss mit dem Wachsthilm derselben, zugenommen hat. Das Band einer und 
derselben Religion, welches diese Nationen vereint, hat ihrer Kunst auch das Gepräge eines allgemeinen 
verwandten Eindrucks verliehen, obgleich dieser Eindruck sich auf verschiedene Weise kund thut, in Folge 
des verschiedenen Einflusses der sich bei jeder einzelnen Nation insbesondere geltend machte. So hält sich 
der Tuniser 
Kunst der 
Mauren, die 
Alhambra 
schufen ; 
Türken 
offbnbaren 
dieselbe 
Kunst, mit den Modificationen, die durch den verschiedenartigen Charakter der gemischten Völkerschaften 
die ihre Herrschaft erkennen, nothwendig veranlasst werden mussten; die Indier vereinen die strengen 
Formen der arabischen Kunst mit der verfeinerten Anmuth der Perser. 
Alle die Regeln über die Vertheilung der Form die sich, wie schon bemerkt, in den arabischen und 
maurischen Ornamenten kund tl1un, finden sich auch in den indischen Erzeugnissen. In allen Werken der 
Indier, von den prächtigsten Stickereien und den künstlich ausgearbeiteten Erzeugnissen des VVGbStLIlJlS ab- 
wärts bis zum geringfügigsten Spielzeug oder irdenem Gefäss, offenbaren sich, in der Construction wie in 
der Verzierung, dieselben Grundprincipien--iiberall zeigt sich dieselbe Sorgfalt im Entwurf der allgemeinen 
Form, man findet weder Auswiirfe noch überflüssige Verzierungen, man sieht nichts das zwecklos ist, oder 
entfernt werden könnte ohne N achtheil für die Compostion. Dieselbe Abtheilung und Unterabtheilung der 
Form, welche den maurischen Ornamenten solchen Reiz verleihet, ist auch hier bemerkbar; denn der Unter- 
schied, welchen die Verschiedenheit des Styls veranlasst, liegt nicht im Principium, sondern in der Ver- 
schiedenheit des individuellen Ausdrucks. Im indischen Style sind die Ornamente freier, fliessender, und 
minder conventionell, und verrathen deutlicher den unmittelbaren persischen Einfluss. 
Die Ornamente der Tafel XLIX. sind meistens den sogenannten indischen Hukhas 
entnommen, die in 
grosser Menge und Varietät in der Ausstellung von 1851 zu sehen waren, und die sich insgesammt durch 
höchste elegante Contouren auszeichneten, wie auch durch die sinnreiche Behandlung der Verzierung der 
Oberßächen, indem jedes Ornament dazu beitrug, die allgemeine Form vollständiger zu entwickeln. 
Diese Ornamente sind, wie man ersehen kann, von zweierlei Art- die einen sind streng architektonisch 
und conventionell, und bloss im Abriss dargestellt, wie N0. 1, 4, 5, 6, 8 ; die andern verrathen schon mehr 
das Streben der directen Nachahmung der Natur, wie N0. 13, 14, 15. Diese letztern bieten uns eine höchst 
schätzbare Belehrung dar, indem sie beweisen, wie unnütz es sei, in der Verzierung mehr zu thun als die 
allgemeine Idee einer Blume anzugeben. Die sinnreiche Behandlung der in N0. 25 gegebenen Blume in 
voller Blüthe, die Darstellung derselben Blume in drei verschiedenen Stellungen, N0. 14 und 15, und das 
rückwärts umgeschlagene Blatt, N0. 20, sind merkwürdig und Voll Bedeutung. Die Absicht des Künstlers 
ist auf eine ebenso einfache als zierliche Weise deutlich ausgedrückt. Die Einheit der Oberfiäche des 
verzierten Gegenstandes wird nicht beeinträchtigt, wie sie es bei der europäischen Behandlung der Blumen- 
verzierung unfehlbar sein würde, wo man sich darauf verlegt, die Blumen mit Sehatvtirungen und Schatten zu 
versehen, und sie, wo möglich, der natürlichen Blume so ähnlich zu machen, dass man sich versucht fühlt-
        

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