Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1864761
MAURISCHE ORNAÄIENTE. 
12. Im Allgemeinen witrden bei den Jllauren die Grundfarben auf den obern Theilen der Gegen.- 
stände gebraucht, die seeundären und tertiären auf den untern. Dieses scheint übrigens ganz im Ein- 
klang mit dem herrschenden Gesetze der Natur, wo man Blau, die Grundfarbe, am Himmel, das secundäre 
Grün an den Bäumen und auf den Feldern, und endlich die tertiären Farben unten auf der Erde findet; 
so verhält es sich auch mit den Blumen, wo die Grundfarben sich gewöhnlich an den Knospen und Blumen 
zeigen, und die secundären an den Blättern und Stengeln. 
Diese Regel wurde von den Alten während der besten Kunstperioden stets beobachtet. Doch sieht man 
zuweilen in Aegypten das secundäre Grün an den obern Theilen der Tempel, dies hat aber seinen Grund 
darin, dass die ägyptischen Ornamente symbolisch waren, wenn es also geschah, dass ein Lotosblatt am 
obern Theil eines Gebäudes angebracht werden sollte, so musste es nothwendigerweise grün gefärbt werden. 
Das Gesetz also bleibt wahr, und die Ansicht eines ägyptischen Tempels der pharaonischen Periode zeigt 
immer die Grundfarben oben und die secundären unten; aber in den Bauten der ptolomäiscben Periode und 
besonders in der romanischen ist diese Anordnung umgekehrt, und die aus Lotos- und Palmblättern gebil- 
deten Kapitale veranlassen einen Ueberfluss von Grün an den obern Theilen der Tempel. 
In Pompeji bemerkt man zuweilen im Innern der Häuser eine Abstufung der Farben, die von oben 
nach unten allmälig vom Hellen ins Dunkle übergehen, um endlich in Schwarz zu enden, doch ist dies 
keineswegs so allgemein, dass man es als ein daselbst herrschendes Gesetz betrachten könnte; und wir 
haben schon im Capital V. gezeigt, dass es Beispiele giebt, wo das Schwarz in pompejischen Häusern un- 
mittelbar unter der Decke sich befindet. 
13. Zwar sind die Ornamente, die sich im Alhambra befinden, und die des Löwenhofes insbesondere, 
gegenwärtig mit mehreren dünnen Schichten von Tünche belegt, mit denen sie zu verschiedenen Epochen 
überstrichen wurden, aber dessenungeachtet können wir behaupten, dass wir die beste Autorität zur Recht- 
fertigung des in unserer Reproduction gegebenen Colorits haben; denn erstens darf man, an so manchen 
Stellen in den Zwischenräumen der Ornament-e, nur die Kalktünche abschälen, um die ursprüngliche Farbe 
zu entdecken; überdies beruhete das im Alhambra angewendete Colorit auf einem so vollkommenen 
System, dass jeder der diesem System nachgeforscht und es vollkommen st-udirt hat, beim ersten Anblick 
eines weiss angestrichenen maurischen Ornaments, ohne Anstand und mit Bestimmtheit die Farbe angehen 
kann, mit der es ursprünglich geschmückt war. Auch wurde gleich beim Entwurf der architektonischen 
Formen, das nachherige Colorit mit so richtiger Genauigkeit in Betracht gezogen, dass es schon aus dem 
Anblick der OberHächen erhellen muss was für Färbung sie empfangen sollten. So oft die Mauren Blau, 
Roth und Gold anwendeten, sorgten sie immer dafür, dass diese Farben an Stellen angebracht wurden, wo 
sie selbst aufs vortheilhafteste erscheinen und auch zum allgemeinen Effect am meisten beitragen mussten. 
Bei der Ausschaniiekung modellirter Oberflächen gebrauchten sie Roth, die stärkste unter den drei 
Farben, in den Vertiefungen, wo sie vom Schatten etwas gemildert werden konnte, aber nie auf der Ober- 
fläche; Blau im Schatten, und Gold an allen dem Lichte ausgesetzten Oberflächen, und es unterliegt 
keinem Zweifel, dass diese Anordnung allein, einer jeden Farbe ihre gehörige Gültigkeit verleihen konnte. 
Die verschiedenen Farben wurden entweder mittelst weisser Bänder, oder durch den vom Relief des Orna- 
mentes gebildeten Schatten selbst, von einander abgesondert -denn es ist unumgänglich nothwendig beim 
Colorit das Principium zu beachten, dass die Farben in keinem Falle mit einander zusammenstossen 
dürfen. 
Unter den Grundfarben der verschiedenen Buntmuster nimmt das Blau immer den grössten Flächen- 
raum ein, welches ganz mit der Theorie der Optik im Einklang ist, sowohl als mit den Ergebnissen der mit 
dem prismatischen Farbenbild angestellten Experimente. Die Lichtstrahlen neutralisiren sich, wie es 
heisst, im Verhältnisse von 3 Gelb, 5 Roth und 8 Blau; es ist also nothwendig, dass die Quantität der 
blauen Farbe der der rothen und gelben Farben zusammen genommen, gleich komme, wenn man einen 
harmonischen Effect erzielen und verhüten Will, dass irgend eine Farbe die andern zwei überstrahle. Da 
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