Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1864758
MAURISCHE ORNAMENTE. 
Zustand der gegenwärtigen Bauten, kaum einen Begriff zu machen vermag. An den schlanken Schäften 
der hohen gothischeu Gebäude waren aufwärts laufende spiralförmige Farbenlinien angebracht, die 
den Säulen einen noch grössern Anschein der Höhe verliehen, und zugleich deren Gestalt deutlicher 
entwickelten. 
Ebenso wurden in der morgenlälndischen Kunst die baulichen Linien mittelst Farben klarer bestimmt, 
deren verständige Anwendung nie verfehlte den damit versehenen Gegenständen einen grössern Anschein 
der Höhe, der Länge, der Breite oder des Umfanges zu verleihen, und überdies in den Reliefverzierungen 
immer neue Formen entwickelte, welche ohne die Farben gar nicht zum Vorschein gekommen waren. 
Uebrigens haben die Künstler hierin sich nur. von der Natur leiten lassen, in deren Werken jeder Ueber- 
gang der Form zugleich durch eine Modiiication der Farbe bezeichnet wird, die darauf berechnet ist, eine 
klare Deutlichkeit des Ausdrucks hervorzubringen. So werden mittelst der Farbe die Blumen von den 
Blättern und Stielen, und diese letztern ihrerseits von der Erde, aus welcher sie entspriessen, abgeschieden. 
In der menschlichen Figur ebenfalls macht sich bei jeder Formveränderung auch eine Veränderung in der 
Farbe bemerklich: die Farbe der Haare, der Augen, der Augenlieder und der Augenwimpern, die Blut- 
farbe der Lippen, die blühende Röthe der Wangen tragen alle dazu bei, Deutlichkeit hervorzubringen, und 
die Form klarer und augenscheinlicher hervortreten zu lassen. Jedermann weiss wie sehr die Abwesenheit 
dieser Farben, oder die etwa durch Krankheit bewirkte Schwächung derselben dazu beiträgt, den Gesichts- 
zügen ihre natürliche Bedeutung und ihren Ausdruck zu benehmen. 
Hätte die Natur allen Gegenständen nur eine einzige Farbe verliehen, so wären die Formen derselben 
ebenso undeutlich als ihr Ansehen einformig erscheinen müsste, während die grenzenlose Mannichfaltigkeit 
der sie bezeichnenden Tinten, ihren Modellirungen Vollkommenheit verleihet, und ihre Umrisse klar 
bestimmt; die keusche Lilie wird ebenso deutlich von den Blättern abgeschieden, aus denen sie entspringt 
als die glorreiche Sonne, die Urheberin aller Farben, vom Firmament in welchem sie glänzt, abge- 
sondert ist.  
11. Die Farben, Welche die Mauren bei ihren Stuck-Arbeiten anwendeten, Waren, in allen Fällen, die 
Grundfarben Blau, Roth und Gelb (Gold). Die Sßßundären Farben Purpur, Grün und Orange, finden 
sich nur auf den Mosailc- Würfeln, wo sie natürlich dem Gesichtskreis näher standen, und daher dem 
Auge einen Ruhepunkt darboten, zur Erholung von den glänzendem Farben die höher oben angebracht 
waren. Zwar ist heut zu Tage die Grundfarbe vieler maurischen Ornamente grün; aber bei genauer 
Untersuchung findet man, dass die ursprünglich angewendete Farbe blau war, die aber als eine Metallfarbe 
mit der Zeit- grün geworden ist. Die kleinen Theilchen von Blau die überall in den Spalten vorhanden 
sind, beweisen dies aufs klarste; auch geschah es, während der auf Befehl der katholischen Könige unter- 
nommenen Restaurationen, dass der Grund der Ornamente mit Grün und auch mit Purpur übermalt 
wurde. Es muss hier bemerkt werden, dass, bei den Aegyptern, den Griechen, den Arabern und den 
Mauren, in den frühesten Perioden der Kunst, die Grundfarben allgemein, ja fast ausschliesslich, gebraucht 
wurden; während, in den Epochen des Verfalls, die secundären Farben eine wichtigere Stelle einzunehmen 
anfingen. S0 finden wir, dass in den pharaonischen Tempeln Aegyptens die Grundfarben, in den ptolomäi- 
sehen aber die secundären Farben die vorherrschendsten sind; ebenso findet man in den frühen griechischen 
Tempeln die Grundfarben, während zu Pompeji jede mögliche Varietät der Schattirung und des Tons im 
Gebrauch war. 
Im modernen Kairo, und im Morgenland im Allgemeinen, sieht man allenthalben Grün neben Roth, 
wo man in den frühern Zeiten gewiss Blau angewendet haben würde. 
Dasselbe ist derüFall mit den Arbeiten des Mittelalters. In den frühen Manuscripten und in der Glas- 
malerei, gebrauchte man hauptsächlich die Grrundfarben, ohne jedoch die andern IParben gänzlich auszu- 
schliessen; während in spätem Zeiten alle mögliche Varietäten der Schattirungen und der Tinten vorkom- 
men, die jedoch nur selten mit demselben glücklichen Erfolg angewendet wurden.
        

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