Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1864728
MAURISOHE ORNAMENTE. 
Dasselbe Ergebniss liesse sich ebenfalls in einer winkeligen Composition, wie in Figur D, erzielen, indem 
man andere Linien, wie in E, hinzufügt, welche der Tendenz des 
Auges den geneigten Linien in winkeliger Richtung zu folgen,   V ' 
Einhalt thun; fügt man aber zu diesen Linien noch Kreise hinzu,    
wie in F, so erlangt man eine vollständige Harmonie, d. h. die Q 
Ruhe-denn das Auge empfindet keinen weitern Mangel dem )Q{  . ' 
man abzuhelfen hätte." A A A A A A 
In der maurischen Verzierung der Oberiiächen entspringen D E  F - 
alle Linien aus einem Mutterstamm, und jedes Ornament, so fern 
es auch sein möge, kann bis an seinen Zweig und seine Wurzel fortgeführt werden. Die Mauren verstanden 
die Kunst, das Ornament so richtig der zu verzierenden Oberfiäche anzupassen, dass man oft zu glauben 
versucht wäre, dass das Ornament eben so gut die Idee der allgemeinen Form eingegeben haben mochte, 
als dass es von dieser veranlasst worden sei. Unter allen Umständen entspriesst das Blattwerk aus einem 
Mut-terstamm, und nie wird man, wie das in modernen Werken oft geschieht, durch eine aufs Grerathewohl 
eingeschaltete zweck- und grundlose Verzierung unangenehm berührt. So unregelmässig auch der auszu- 
fiillende Raum sein mochte, unterliessen die Mauren doch nie, denselben erst in gleiche Grundflächen abzu- 
theilen, und um diese Stammlinien her brachten sie ihre Details an, ohne es je zu unterlassen zum Mutter- 
stamm zurückzukehren. 
Hierin ahmten sie das Verfahren der Natur nach, wie man es in einem i, 
Weinblatte sehen kann, und welches zum Zweck hat, den Saft vom Mutter-  
stamm nach den äussern Enden hin zu vertheilen; zu diesem Ende muss  
der Hauptstamm, so nahe als möglich, in gleiche Grundflächen abgetheilt w.  
werden. Dasselbe Verfahren offenbart sich in den kleinern Abtheilungen,  yäggigzzgzv 
indem jede Grundfläche mittelst Zwischenlinien unterabgetheilt wird, die  
ihrerseits durchgehends, bis auf die Ausfüllung der Saftbällge, dasselbe   
Gesetz der gleichen Vertheilung befolgen.  
6. Die Mauren befolgten überdiess auch das Principium der Strah- {ä 
lung vom Mutterstamm, wie es die Natur in der menschlichen Hand oder E 
im Kastanienblatt offenbart. 
Im gegebenen Beispiel bemerkt man, wie schön und strahlenfirmig alle die Linien vom Mutterstamm 
ausgehen; wie jedes Blatt gegen die äussersten Endepunkte hin abnimmt, und 
wie jede Grundfläche im Ebenmass mit dem Blatte steht. Die Morgenländer  
führten dieses Principiiim mit wunderbarer Vollkommenheit aus; und die Grie-   
chen thaten dasselbe in ihrem G-eissblatt-Ornament. Wir haben schon im Capitel  W 
IV., auf die im griechischen Ornamente sich Iofienbarende Eigenthumhchkeit  I] 
hingewiesen, die von den Cactusptlanzen abgeleitet zu sein scheint, wo ein Blatt f 
vom andern ents rinrrt. Di riechischen Ornamente zei en dieselbe Anord-   
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nung: ihre Acanthusblatt-Rankenverzierungen bilden eine Reihe von Blattern 7  
die in ununterbrochenener Linie von einander entspriessen, während die arabi- kt 
sehen und maurischen Ornamente immer aus einem ununterbrochenen Stamm hervorgehen. 
krummen Linien gehemmt. So ist die Deckplatte des Strebepfeilers aufs beste dazu geeignet, der aufwärts strebenden Tendenz der 
geraden Linien entgegenzuwirken; ebenso contrastirt der Giebel aufs trefliichste mit dem Bogenfenster und mit den senkrechten 
Fenstcrstöcken. 
 Aus der Vernachlässigung dieser so klaren Regel entsteht die so höchst misslungene Auffassung, die man häufig in den Papier- 
Tapeten, den Teppichen und besonders in Kleidungsstücken bemerkt. Die Linien der Papier-Tapeten scheinen sich durch die Zimmer- 
decke drängen zu wollen, weil die. gerade Linie nicht durch die winkelige, und die winkelige nicht durch die krumme Linie berichtigt: 
wird; ebenso laufen die Linien in den Teppichen immer nur in einer Richtung fort, und scheinendaQAuge gerade durch die Wände der 
Gemächer führen zu wollen. Aus derselben Quelle entspringen alle die abscheulichen bunt und kreuzweise gestreiften Zeuge, welche 
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