Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1864443
ARABISCHE 
ORNAISIENTE. 
die eingetretene N othwendigkeit den neuen Bedürfnissen Genüge zu leisten, und die neuen Empfindungen 
gehörig auszudrücken; ihrer Architektur in sehr kurzer Zeit einen eigenthümlichen Charakter einprägen 
musste. 
Sie verfertigten ihre Bauten zum Theil aus alten Materialien, und bemühten sich in den neuen Theilen 
der Construction, die den alten Gebäuden entlehnten Details nachzuahmen. Das Ergebniss dieses Bestrebens 
War dasselbe, welches sich früher beim Uebergang vom römischen zum byzantinischen Styl geäussert hatte: 
die Nachahmung war roh und unvollkommen. Doch förderte diese Unvollkommenheit selbst neue Ideen ins 
Leben; denn anstatt zum ursprünglichen Modell zurückzukehren, warfen die Muhammedaner nach und 
nach, die von demselben auferlegten Fesseln ab, und so gelang es ihnen schon in der frühesten Epoche ihrer 
Geschichte, einen ihnen eigenthümliohen Kunststyl auszubilden und zur Vollkommenheit zu bringen. Die 
Ornamente der Tafel XXXI. sind der Moschee Tulun zu Kairo entnommen, die im Jahre 876 errichtet 
wurde, das heisst, nicht mehr als 250 Jahre nach der Gründung der muhammedanisohen Religion, und doch 
iinden wir schon in dieser Moschee einen selbstständigen Styl der Baukunst, der zwar noch einige Spuren 
seines Entstehens beibehielt, aber von jedem Bestreben der unmittelbaren Nachahmung eines frühern Styls 
ganz frei war. Diese rasche Entwickelung ist besonders merkwürdig, wenn man sie mit dem Resultat der 
christlichen Religion im Bezug auf die Baukunst vergleicht: indem es dem Christenthum erst im zwölften 
oder im dreizehnten Jahrhundert gelang eine eigene ihm angehörige Architektur, frei von jeder Spur des 
Heidenthums, zu erzeugen. 
Die Moscheen von Kairo gehören zu den schönsten Bauten der Welt. Sie zeichnen sich durch gross- 
artige und einfache allgemeine Formen aus, und zugleich durch den verfeinerten Geschmack und die Pracht 
womit diese Formen geschmückt sind. 
Diese Pracht in der Verzierung stammt, wie es scheint, von den Persern her, von denen die Araber so 
manche ihrer Künste abgeleitet haben. Doch ist es beinahe gewiss, dass dieser Einfluss ihnen aus doppelter 
Quelle, der persischen und byzantinischen, zukam. Die byzantinische Kunst verräth schon einen asiatischen 
Einfluss. Die von Flandin und Coste herausgegebenen Reste sind entweder persischen Ursprungs unter 
byzantinischem Einfluss, oder, wenn sie einer altern Periode angehören sollen, müssen wir annehmen, dass 
ein grosser Theil der byzantinischen Kunst von persischen Quellen abstamme, indem die zwei Stylarten in 
der allgemeinen Beschaffenheit des Umrisses einander ganz ähnlich sind. Wir haben schon im dritten 
Capitel auf eine sassanische Kapitälverzierung hingewiesen, N o. 16, Tafel XIV., Welche, allem Anscheine 
nach, den bunten Mustern der Araber zum Typus diente; und an der hier eingeschalteten Spandrille, aus 
Salzenbergs Werke über die Sophienkirche, bemerkt man ebenfalls ein Decorationssystem, welches von der 
griechisch-römischen Verzierungsweise derselben Kirche vielfach abweicht, und wahrscheinlich auch das 
Resultat eines asiatischen Einflusses war. Wie dem auch sei, so bildet diese Spandrille jedenfalls die 
Grundlage der bei den Arabern und Mauren gebräuchlichen Verzierung der Oberflächen. Das Blattwerk, 
welches den Mittelpunkt der Spandrille umgiebt, ist zwar noch eine Reminiscenz des Acanthusblattes, doch 
offenbart sich in demselben der erste Versuch, das Principium der aus einander entspriessenden Blätter zu 
beseitigen, denn die Rankenverzierung ist zusammenhängend und ununterbrochen. Das Muster ist über 
den ganzen Bogenzwickel vertheilt, um eine gleiche Färbung hervorzubringen, ein Resultat, welches die 
Araber und die Mauren, unter allen Umständen zu erzielen suchten. Wir müssen noch einer besondern 
Eigenheit derselben gedenken, nämlich, dass die Gesimse am Rande des Bogens von der Oberfläche her ver- 
ziert sind, und dass die Laibung des Bogens auf dieselbe Weise geschmückt ist, als die Laibungen der 
arabischen und maurischen Bögen. 
Die auf der Tafel XXXI. gegebenen Verzierungen, von der Moschee Tulun, sind höchst bemerkenswerth, 
indem sie schon in diesem frühen Zustand der arabischen Kunst alle die Typen jener Anordnungen der 
Formen darstellt, die im Alhambra ihren höchsten Glanzpunkt erreicht haben. Der etwa. vorhandene 
Unterschied hat seinen Ursprung in der minder vollkommenen Eintheilung der Formen, aber die Grund- 
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