Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grammatik der Ornamente
Person:
Jones, Owen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1862676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1864196
RO 
HE 
ORN 
 
DIE Wirkliche Grösse der Römer verkündet sich vielmehr in ihren Palästen, Bädern, Schauspielhäusern, 
Wasserleitungen und andern Werken zum allgemeinen Gebrauch, als in der Baukunst ihrer Tempel, indem 
diese letztem, als die Aeusserung einer den Griechen entlehnten Religion, der sie wahrscheinlich nur 
geringen Glauben beimassen, einen entsprechenden Mangel an ernsthafter Würde und Kunstverehrung 
verrathen. 
In den griechischen Tempeln sprach sich allenthalben das Bestreben aus, eine Vollkommenheit zu 
erzielen, die der Götter würdig sei. In den römischen Tempeln hingegen ist die Selbst-Verherrlichung der 
einzige Zweck. Von der Basis der Säule bis zum Scheitel des Giebels ist jeder Theil mit Verzierungen 
überladen, die mehr darauf ausgehen, das Auge durch die Menge zu verblenden, als durch die Qualität der 
Arbeit Bewunderung zu erregen. Die gemalten griechischen Tempel Waren zwar eben so reichlich verziert 
als die der Römer, aber der Erfolg war verschieden. Die Ornamente Waren so angeordnet, dass sie einen 
farbigen Blüthenglanz über den ganzen Bau verbreiteten, ohne jedoch im geringsten den herrlichen Entwurf 
derßberflächen zu beeinträchtigen, auf denen sie angebracht waren. 
Die Römer legten nicht mehr denselben Werth auf das allgemeine Ebenmass des Baues und auf die 
Contouren der modellirten Oberflächen, die sie, im Gegentheil, durch die ausgearbeitete Oberflächen- 
Modellirung der darauf geschnitzten Verzierungen, gänzlich vernichteten; und diese Verzierungen ent- 
springen überdies nicht auf natürliche Weise aus der Oberfläche, sondern sind auf derselben bloss ange- 
heftet. So sind die Acanthusblätter unter den Sparrenköpfen und um den Korb des korinthischen Kapitals 
ohne alles Kunstgefiihl vor einander hingestellt. J a, sie sind nicht einmal mittelst des Sälulenhalses am 
Schaft mit einander verbunden, sondern bloss auf diesem gestützt. Wie ganz anders ist das im ägyptischen 
Kapital, wo die den Korb umgebenden Blumenstiele durch den Säulenhals fortgeführt sind, und so zugleich 
der Schönheit Genüge leisten und der Wahrheit huldigen. 
Die unglückselige Leichtigkeit, die das römische Decorationssystem zur Anfertigung von Ornamenten 
darbietet, indem man bei jeder Form und in jeder möglichen Richtung nur die Acanthusblätter anzuwenden 
braucht, ist Wohl die Ursache warum diese Verzierungsweise in den meisten modernen Werken so sehr 
überhand genommen hat. Es ist ein Ornament das so Wenig Nachdenken erfordert und so gänzlich einen 
blossen Gegenstand der Fabrikation bildet, dass die Baukünstler sich veranlasst fühlten eine der Specialitä- 
ten ihres Faches sorglos zu vernachlässigen, und die innere Verzierung der Gebäude Händen zu überlassen, 
die ganz unfähig sind ihren Platz einzunehmen. 
Die Römer zeigten nur wenig Kunstgefühl im 
Gebrauch 
Acanthusblattes. 
hatten 
Griechen schön und conventionell behandelt empfangen, näherten sich aber dem Typus 
Contouren mehr als die Griechen, und übertrieben die Verzierung der Oberüäehen. 
in den allgemeinen 
Die Griechen be- 
schränkten sich darauf das Principium des 
auf die zarte Undulation der Oberfläche. 
Blattwuchses auszudrücken, 
und verwendeten 
Sorgfalt 
Das am Anfange 
dieses 
Capitels 
befindliche 
Ornament 
typische Vorbild 
Orna- 
römischen 
mente, die durchgehends aus Schnörkeln bestehen, von denen einer aus dem andern entspriesst, eine Blume 
oder eine Blättergruppe umschliessend. Dieses Muster beruht in seiner Construction auf griechischen 
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