Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855384
Vorwort. 
Umschwung wurde durch das genauere Studium bewirkt, welches man nun auf die Eigentümlichkciten 
der historischen Kunstepochen verwendete, und durch das tiefere Eindringen in den Geist und die 
Umstände, welche dieselben hervorgebracht hatten. Die Partei, welche an den antiken Über- 
lieferungen festhielt, fand nun, dass bereits in der italienischen, von der altrölnischen Kunst abge- 
leiteten Renaissance ein Höhepunkt in der Anpassung der Antike an moderne Verhältnisse erreicht 
war, und dass auch die Dekoration dieser Epoche einen Schatz von Schönheit umschloss, wie ihn 
keine andere Zeit in diesem Masse aufzuweisen hatte. Man machte von diesem Reichtum einen 
ausgiebigen Gebrauch, freilich "ohne Viel neues hinzuzuthun und eher etwas gedankenlos in dem 
Mitschleppen mancher Formen, welche der Symbolik alter vergangener Zeiten ihr Dasein verdankten 
und für unsere Zeit ganz bedeutungslos geworden waren. Die Anhänger der mittelalterlichen Kunst 
hatten gleichzeitig ihren Studienkreis bedeutend erweitert; derselbe beschränkte sich nun nicht mehr 
auf die Epoche der Gotik, sondern zog auch den Romanismus nicht nur in ihren Kreis, sondern 
benützte denselben auch zur Lösung moderner Aufgaben. Durch die jetzt verbreitete Erkenntnis 
von dem nordfranzösischen Ursprünge der Gotik ergab sich ein neuer Anstoss für die Anwendung 
frübgotischer Formen, welche besonders in Deutschland einen wichtigen Einfiuss übte, und durch 
Viollet-le-Dncs bekanntes Dictionnaire noch verstärkt wurde. Die vorzugsweise deutsche Spatgotik, 
welche manche eigentümliche Erfindungen in den Baukombinationen und dekorativen Gestaltungen 
aufzuweisen hat, wurde, zum Teil unverdienter Weise, gegen die fremde Frühgotik zurückgesetzt 
und als eine Art Verfallperiode aufgefasst, was sie keineswegs in allen Stücken war.  
Im ganzen hatten die nationalen Unterschiede in der Architektur der westeuropäischen 
Lander vor der Mitte des 19. Jahrhunderts wenig mehr als eine- kunstgeschichtliche Beachtung 
gefunden, für das Neuschaffen blieben dieselben zunächst ohne wesentliche Bedeutung. Das sollte 
nun anders werden, als die im politischen Sinne zu einer wirksam eingreifenden Macht anwachsende 
Nationalitätsidee auch auf die künstlerischen Verhältnisse Einfluss gewann, und infolge dessen die 
Leistungen der nationalen Renaissanceperioden erforscht, ja man kann sagen wieder neu entdeckt 
wurden. In Frankreich erfolgte die Anknüpfung an die heimische Frührenaissance am frühesten, 
auch England und die Niederlande schlugen dieselben Bahnen ein, aber in Deutschland war die 
Wiederaufnahme der nationalen Renaissance am intensivsten und nachhaltigsten und bildete in der 
That ein Ereignis von erstem Range in der Kunst. Die innige Mischung der von altersher ver- 
trauten spätgotischen Bauformen mit der lebensvollen und feinen Ornamentik der italienischen 
Renaissance, wie sie die Deutschrenaissance bietet, die malerische Silhouette des äusseren Aufbaues, 
die Leichtigkeit mit der die Gewölbformen sich dem inneren Raumorganismus einfügten, im 
besondern das Zurückkonnnen auf die Holztafelungen der Wände und Decken, welche von jeher 
dem deutschen Gefühl für Behaglichkeit der Wolinräiume zugesagt hatten und dementgegen das 
Vermeiden des kalten Marmorprunks, bildeten weitere Vorteile des Stils und trugen wesentlich zu 
seiner erneuten Ausdehnung auf den Wohnhausbau und selbst auf einen Teil der öffentlichen Ge- 
bäude, unter denen die Rathäuser"voranstehen, bei. Es war gewissermassen nur selbstverständlich, 
dass man bei dem Aufsuchen der nationalen Eigenheiten nicht bei der Periode der eigentlichen 
Renaissance stehen blieb, sondern ebenso das Vorhandensein einer national gefärbten Abart des 
Barocks und des Rokokos feststellte und diese für Neuschöpfungen benützte. Auch die Nachfolge 
der mittelalterlichen Stilarten konnte sich dem Einflüsse der auf nationale Besonderheit dringenden 
allgemeinen Richtung nicht entziehen. Es ist übrigens leicht zu übersehen, dass das oft berufene 
Stilchaos, eine die Kunst des 19. Jahrhunderts auszeichnende Besonderheit, durch alle diese 
Bestrebungen immer verwickelter werden musste, obgleich die prinzipiellen Gegensätze, in denen 
sich bisher die, antikisierende und die mittelalterliche Richtung gegenüber gestanden hatten, durch
        

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