Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1856096
Schulen 
auf historischer Grundlage. 
Detail ganz vom Stil Ludwig XIII. und Ludwig XIV. abhängig, und zeigt bei massiger Anwendung der 
Barockformen einen grossen Reichtum von Skulpturen. Die neue Börse in Brüssel, vom jüngeren Suys 
um 1875 vollendet, lässt im Äusseren den Einfluss der neuen Pariser Oper nicht verkennen; die beiden 
Stockwerke sind an den Ecken und Vorsprüngen durch eine korinthische Ordnung zusammengefasst, 
zugleich zeigt sich die mehrfache Anwendung von Bogenabschlüssen. Der Justizpalast in Antwerpen von 
Ba eck elmans giebt eine Nachahmung des Stils Ludwigs XIII, doch ist das Detail griechischer. Die 
malerische Wirkung des Stils Ludwig XIII. wird zuerst durch Janssens für Privathiiuser nutzbar 
gemacht; auch Charles Albert baut in diesem Stile. 
Das vlämische Barock der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird von Alm ai n genau wiederholt. 
In derselben Art erbaut J amaer ein durch und durch vlämisches Haus an der Avenue du Midi in Brüssel. 
Der neue Justizpalast in Brüssel, 1861 begonnen, 1884 eröffnet, entworfen von Polaert, zeigt 
eine Verbindung griechischer und römischer Architekturformen mit scheinbarer Umgehung der konstruktiven 
Errungenschaften der Renaissance. Die Hauptfassade erscheint als eine Säulenhalle zwischen zwei stark 
vertretenden Flügelbauten, in der Mitte durch das Hauptportal unterbrochen. Im Inneren ist der gross- 
artige Saal des Pas perdus bemerkenswert, derselbe ist mit einer Kuppel überdeckt (Abb. 33). 
Italien. Die hellenistische Wendung in der Renaissance konnte in Italien nur geringen Boden 
gewinnen; hier blieb immer die Nachfolge der klassizistischen Renaissance im Sinne der Schule Palladios 
in Geltung. Der Arco della pace in Mailand, seit 1807 von Marchese Luigi Cagnola. (1702-1833) 
errichtet, erst 1837 vollendet, ist in diesem Sinne gehalten. Es ist die Nachahmung eines römischen 
Triumphbogens in weissem Marmor, aber ohne das Verdienst eigener Erfindung. Ausserdem ist der 
Massstab der Skulpturen verfehlt; so sind die Flussgötter in der Attika zu kolossal gebildet. Der Rund- 
tempel zu Ghisalva, ebenfalls von Cagnola, zeigt ein prächtiges Atrium. Giuseppe Soli erbaute in 
Venedig den Palazzo regio, in starker Anlehnung an die anstossende Procuratie nuove. Von Raffaele 
Stern (1770-1819) wird gegen 1817 die neue Galerie im Vatikan zu Rom, der sogenannte Braccio 
nuove, errichtet; dieselbe ist mit kassettierten Tonnengewölben und Kuppeln überdeckt und entspricht 
etwa dem Empirestil. Das Petit Palais in Rom, Via di Campo Marzo, rührt von Giovanni Stern, 
dem Bruder des vorigen, her; die Villa Poniatowski in Rom, gegen 1805, von Giuseppe Valladier. 
Die Kirche zu Possagno, 1819 -1833 nach dem Plane des Bildhauers Canova erbaut, ist ein Kuppelhau 
in der Art des Pantheon mit einem Portikus nach dem Muster des Parthenon in Athen; demnach 
eine reine Wiederholung älterer Typen, ohne eigene Auffassung. Der Tempio della gran Madre d'lddio 
zu Turin, von Bonsignore, ist wieder eine akademische Nachahmung des römischen Pantheons, ein 
Rundbau mit einem Umgange, welcher sich nach dem Kuppelraume öffnet. Der Camposanto zu Verona 
von Guiseppe Barbieri zeigt eine Eingangshalle im griechisch-dorischen Stile; der Friedhof selbst ist 
mit Säulenhallen umgeben; die Kapelle und das Pantheon für berühmte Männer zeigen eine massige, 
aber bedeutungslose Architektur. 
Die Nachahmung des Palladio war immer noch ein Vorteil für die italienische Architektur; es kamen 
in dieser Art gelegentlich Werke zustande, welche den gleichzeitigen anderer Länder überlegen waren. 
So beispielsweise der neue Flügel der Pinakothek in Venedig, am Hofe des Akademie-Gebäudes, 1827 von 
Lazzari begonnen. 
Im allgemeinen ist die Architektur in Italien um die Mitte des 19. Jahrhunderts so ziemlich in 
Verfall geraten; die Räume sind kleinlich wie in der Villa des Fürsten Torlonia an der Porta Pia in 
Rom von Caretti. Besser ist der Camposanto zu Brescia von Santini in dorischen Formen. Das 
Teatro politeamo zu Florenz, 1860-61 von Buonajuti, zeigt ganz überwölbte Räume, mit Ausnahme 
der Bühnen; die Kunstformen geben eine ziemlich trockene Renaissance. Die Nationalbank in Florenz, 
1865 von Cipolla begonnen, ist in schwerer Hochrenaissance gehalten.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.