Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855379
Vorwort. 
der Formenwelt irgend einer der historischen Epochen aufzusuchen, hat es durchaus nicht gefehlt; 
die auf den deutschen Architektenversanimlungen der ersten Hälfte des Jahrhunderts geptlogenen 
Verhandlungen liefern manche bemerkenswerte Beiträge zu diesem Thema, und zeigen das lebhafte 
Aufeinanderplatzen der verschiedenen Richtungen anhängenden Geister. Die ausschliessliche Be- 
geisterung für das griechische Bauideal hielt lange genug an und war ausreichend kräftig, um eine 
Anzahl mehr oder Weniger genauer Nachbildungen antiker Tempel ins Leben zu rufen, und selbst 
den Tempelgiebel auf das Gebiet des Wohnhausbaues zu verpflanzen. Gleichzeitig bewirkte zwar 
die konstruktive Schule eine Wendung des Geschmacks, indem sie die Unzulänglichkeit des Architrave- 
stils für die modernen Verhältnisse und namentlich für den Stockwerksbau hervorhob, und dafür 
den Rundbogenstil als technisch und ästhetisch geeigneten Ausgangspunkt anempfahl. Aber auch 
die genannte Schule folgte in der Bildung der Einzelglieder und der dekorativen Ausstattung den 
antiken Vorbildern; und von einem Fortschritt in der Anwendung der für die neueren Stilepochen 
so äusserst wichtig gewordenen Gewölbformen konnte nur insofern die Rede sein, als man dieselben 
mit tragenden Eisenkonstruktionen in Verbindung setzte, wie dies namentlich, verhältnismässig früh, 
von den französischen Architekten angestrebt wurde. 
Die Wiederaufnahme des Steingewölbes als stilistisch massgebenden Elements sollte indes 
weniger von der antikisierenden, sondern mehr von der dem Mittelalter zugewendeten Richtung 
ausgehen, welche letztere gleich zu Anfang des Jahrhunderts als "Romantik" im bewussten Gegen- 
satze der "Klassik" entgegengetreten war. Die neu zum Leben erweckte Kunst des Mittelalters, 
Welche zunächst ausschliesslich die Gotik im Auge behielt und in der Wiederherstellung und dem 
WVeiterbau der historischen kirchlichen Monumente die hauptsächlichste Anregung und Stärkung 
fand, war es auch, welche die Herleitung der Formen aus dem Material, den "Materialstil", auf ihre 
Fahne schrieb und durch die möglichste Verwendung echter Stoffe dem in der antikisierenden 
Architektur eingerissenen Surrogatschxxiindel kräftig entgegentrat, obgleich sie dem äusserlich Teeli- 
nischen wohl eine zu bedeutende stilistische Wichtigkeit zuschrieb und in der Verfehmung des mit 
den Traditionen der besten Antike eng verbundenen „Putzbaues" offenbar zu weit ging. Unterdes 
zog die Dekoration von der romantischen Bewegung, so lange diese mehr Sache des allgemeinen 
Gefühls als des eindringenden Studiums war, keinen grossen Vorteil. Zwar waren die gotischen 
Bauformen namentlich in Deutschland und England niemals ganz ausser Übung gekommen, und 
hatten sich in einzelnen vom grossen Verkehr abgelegenen Orten selbst bis in die Spätzeit des 
18. Jahrhunderts, besonders im Wohnhausbau, fortgesetzt, aber die Ornamentformen und das mit 
diesen zusammenhängende Kunstgewerbe wurde doch schon seit langer Zeit ausschliesslich von der 
Spätrenaissance und dem Rokoko beherrscht. Die danach aufgekommene Neuklassik hatte an diesen 
Verhältnissen wenig geändert, und die darauf folgende hellenistische Renaissance war, mindestens auf 
dem Gebiete des Kunstgewerbes, ziemlich unfruchtbar geblieben. Überdem hatten die Jahrhunderte 
nach dem Abschlusse des Mittelalters eine Menge neuer Lebensbedürfnisse hervorgerufen und zu 
ihrer Befriedigung eine feinere Ausstattung der Wohnräume veranlasst, für Welche mittelalterliche 
Formen gar nicht vorhanden sein konnten, und für deren Neuschöpfung der neuen mittelalterlichen 
Richtung vorläufig noch die Kraft fehlte. In der Skulptur und Malerei erscheinen die Vorzüge, 
welche sich im Verlaufe der Renaissancezeit entwickelt hatten, sowie die erneute Anlehnung an die 
antiken Vorbilder, welche das Ende des 18. Jahrhunderts brachte, so mächtig und zweifellos, dass 
ein Zurückgehen auf die mittelalterliche Auffassung gar nicht erst versucht wurde. 
Eine bedeutende Veränderung in den Architekturbestrebungen ergab sich in den Jahrzehnten 
um die Mitte des 19. Jahrhunderts, und zwar in beiden noch unversöhnt nebeneinander hergehenden 
stilistischen Hauptrichtungen, der antikisierenden und der mittelalterlichen. Der entscheidende
        

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