Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855364
Vorwort. 
Die künstlerische Bewegung des 19. Jahrhunderts unter den an der Spitze stehenden Kultur- 
völkern stellt sich ziemlich verwickelt dar, und scheint auf den ersten Blick einem Irrgarten zu 
gleichen, aus dem schwer ein Ausgang zu linden ist. In der That gab es vorher kein Jahrhundert, in 
dem so verschiedene stilistische Strömungen auftauchen, nebeneinanderhergehen und nach kurzer Dauer 
wieder verschwinden. Die regelrechte Entwicklung einer Stilform, welche dem 19. Jahrhundert eigentüm- 
lich angehören würde, scheint gar nicht stattzuiinden, vielmehr giebt es eklektische Wiederaufnahmen 
fast aller älteren Stile, die sich scheinbar regellos durchkreuzen. Erscheint, nach dem oben Gesagten, 
die Kunst des 19. Jahrhunderts, vornehmlich die Architektur, um welche es sich hier hauptsächlich 
handelt, nicht im günstigsten Lichte, so muss dies im besondern auch von den Dekorationsformen 
gelten, soweit sich dieselben in den Fassadensystemen, in der Ausbildung der Innenräume, in der 
eigentlichen Ornamentik und in den verschiedenen Zweigen des Kunstgewerbes äussern. Es fehlt 
auch auf diesen Gebieten sehr an Bildungen von hervorstechender Originalität, wie sie eine wirklich 
neu aufstrebende Stilepoche hervorzubringen pflegt. 
Wenn man jedoch der Meinung sein sollte, dass im 19. Jahrhundert überhaupt keine Stil- 
entwickelung stattfände, die eine Unterscheidung nach Zeitabschnitten zuliesse, so würde man einen 
F ehlschluss machen. Lässt doch schon die Hüchtigste Überschau des Geleisteten einen bedeutenden 
Unterschied zwischen der Erscheinung der Bauwerke und ihrer dekorativen Ausstattung, je nachdem 
sie aus der ersten oder der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen, erkennen, mögen dieselben 
nun in antikisierender oder mittelalterlicher Weise aufgefasst sein. Und selbst in den zahlreichen 
Fällen, wo es sich nur um eine möglichst genaue Wiederholung älterer Vorbilder zu handeln scheint, 
obgleich die bewusste oder unbewusste Beiinischung des modernen Elements dennoch niemals fehlt, 
gewinnen die aus den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts stammenden Monumente ein ganz 
anderes Gepräge, als die einer späteren Periode angehörigen. 
Die archäologischen Forschungen und Entdeckungen und die infolge derselben erscheinenden 
Veröffentlichungen über den Bestand der alten Kunstdenkmäler treten im 19. Jahrhundert in einer 
solchen Überfülle hervor, wie das niemals sonst der Fall gewesen ist, und üben eine tiefgehende 
Einwirkung auf das gleichzeitige Kunstschaffen. Es kann deshalb nicht befremden, wenn die auf 
originelle Bildungen gerichteten Bestrebungen zunächst von den historischen Reminiscenzen erdrückt 
werden, und erst gegen Ende des Jahrhunderts wieder einen Anlauf zu erhöhter Bedeutung nehmen. 
An theoretischen Untersuchungen, welche darauf ausgehen, die Gesetze einer absoluten Kunst in
        

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