Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855636
Romantik. 
Neuklassik 
dieser geistigen Strömungen und geht wie immer den Werken der bildenden Kunst zeitlich voran. In 
Klopstock war das Vaterlandsgefühl mächtig zum Durchbruch gekommen und hatte sich auf die Mitglieder 
des Göttinger Dichterbundes verpfianzt; Hamann und Herder verfolgten ähnliche Ziele. Unsere grossen 
Klassiker, Goethe und Schiller, ebenso Wilhelm von Humboldt und Jean Paul Richter standen 
durchaus in keinem prinzipiellen Gegensatze zu den eigentlichen Romantikern zu A. W. Schlegel, 
Görres und Ludwig Tieck und zu den kräftigsten Vertretern des Deutschtums den Sängern Arndt 
und Schenkendorf und dem Turnvater Jahn. Es war auch hochbedeutsam, dass durch die allgemeine 
Begeisterung, welche die grossen Musiker Mozart und Beethoven hervorriefen, die so lange unter- 
brochene geistige Verbindung zwischen dem katholischen Süden und dem protestantischen Norden Deutsch- 
lands wieder hergestellt wurde. Die einheitliche Richtung der Nation wurde durch die Fortschritte des 
Verkehrs und der Gewerbe begünstigt, welche allerdings zuerst nur in England heimisch waren, aber in 
nicht zu langer Frist auf deutschen Boden übertragen wurden. In England entstand 1812 das erste. 
Dampfboot, 182.5 die erste Eisenbahn, 1809 die Gasbeleuchtung in London, fast gleichzeitig wurde das 
Eisen als selbständiges Konstruktionsmaterial in das Bauwesen eingeführt. Die Künstler dieser Periode 
haben zwar noch kein festes Programm, sie lassen sich von den verschiedenen auf sie wirkenden Einflüssen 
treiben, nach der romantischen oder der neuklassischen Seite, oft nach beiden, aber im ganzen gewann 
die Neuklassik in ihren Schöpfungen die Oberhand. 
In Preussen erfolgte unter König Friedrich Wilhelm II. ein entschiedener Bruch mit dem fran- 
zösischen Wesen, aus seiner Umgebung verschwanden die Franzosen, und das auf dem Gensdarmenmarkt 
erbaute Theater für französische Vorstellungen wurde 1787 zum Nationaltheater umgewandelt. Der Bau 
des Brandenburger Thors (1789-1793) von Karl Gottfried Langh ans führte die Neuklassik würdig 
in Berlin ein. Es sollte lange dauern bis wieder ein Bauwerk von gleicher Monumentalität in Form und 
Material in Berlin entstand. Langhans hatte bisher die Innendekoration des Marmorpalais in Potsdam 
noch in starker Anlehnung an das Genre Louis XVI. geschaffen, und Anderes im sogenannten vetrurischen" 
Geschmack, als er mit dem_ Brandenburger Thor, nach dem Muster der Propyläen zu Athen, vollständig 
zur Neuklassik überging. Der Architekt von Erdmannsdorf f huldigt im ganzen der englisch- 
sentimentalen Romantik, lasst aber im Schloss zu Wörlitz, im Schlösschen Luisium bei Dessau, sowie in 
der Einrichtung der Königskammern im Berliner Schlosse ein Streben nach möglichst rein antiker 
Gestaltung des Einzelnen erkennen. David Gilly der Vater und Catel bauten noch im Übergange 
vom Zopfstil zur Neuklassik. Heinrich Gentz ist der bedeutendste Berliner Architekt der neuen 
Richtung, er hat in seiner Anlehnung an ägyptische und etruskische Denkmäler und der gleichzeitigen 
Vermischung dieser Formen mit spatrömischen Motiven viele Berührungspunkte mit den gleichzeitigen 
französischen Architekten, indes zeigt sich bei ihm bereits ein Versuch zu selbständiger Gestaltung dieser 
Formen zum Ausdrucke des Zwecks moderner Bauwerke. Sein Gebäude der „Alten Münze", jetzt abge- 
brochen, mit dem Figurenfries von Schadow, war in dieser Art bemerkenswert, obgleich durchaus 
zwischen englischer Romantik und Neuklassik schwankend. Friedrich Gilly, der Sohn (1771, 1' 1800), 
der Lehrer Schinkels, kann als der Begründer der Berliner Architekturschule betrachtet werden. Er 
stand unter dem Einflusse des englischen nnatürlichen" Gartenstils, ähnlich wie Ledoux in Paris, wusste 
aber wie dieser den Formen stilistische Festigkeit zu geben. Seine Meierei im Parke Bellevue war ein 
gotisierender Backsteinbau mit strohgedecktem Bohlendache. Dagegen zeigt der vortrefflich gezeichnete 
Entwurf Gillys zu einem Denkmale Friedrichs des Grossen für den Leipziger Platz ausserlicli einen 
griechisch-dorischen Tempelbau auf hohem Unterbau in Verbindung mit Treppenanlagen und mit Ver- 
wendung ägyptisierender Motive, während das Innere dem Anscheine nach als Kuppelbau gedacht war. 
Ausser den oben genannten Berliner Meistern gab es wenig künstlerisch gebildete Architekten in Nord- 
deutschland. Schon die Studienmittel waren allzu dürftig: Milizias schlechte Ausgabe des Vignola,
        

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