Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1857343
sich von der Herrschaft dieser historischen Überbleibsel loszuringen, aber es blieb doch der nationale 
Grundzug, der einst diese Formen hervorgebracht hatte, herrschend. Die Eigenschaften, welche von jeher 
den deutschen Nationalcharalater ausgezeichnet haben: Sinnigkeit und Wärme der poetischen Empfindung, 
Naturschwärmerei, Humor, Liebe zur Behaglichkeit und Traulichkeit, mussten auch die unveränderliche 
Grundlage des Neuen bilden. Auch die Nachahmung der heimischen Pflanzenform war schon durch die 
Wiederaufnahme der (iotik vorbereitet. Wenn nun die allgemeine Abneigung gegen das Wiedermachen 
der alten Stile, welche im erwachenden Selbstbewusstsein der Modernen begründet war, den künstlerischen 
Beweggrund abgab, um das Beharren auf den alten Wegen zu unterbrechen, so gab es ausserdem noch 
einen praktischen, nicht zu unterschätzenden Beweggrund, nämlich den Wetteifer mit den Nachbarnationen, 
der zu demselben Ziele hintrieb. 
Das Kunstgewerbe hat neben seiner Bedeutung für den geistigen Ausdruck gewisser Lebens- 
äusserungen des Volkes noch eine national-ökonomische Wichtigkeit: Es ist keineswegs gleichgültig 0b die 
deutschen Käufer ihren Bedarf an Möbeln, Geweben, Tapeten und Geräten aller Art aus dem Auslande 
beziehen, oder ob umgekehrt die Fremden diese Erzeugnisse bei uns suchen. Die Gefahr von dem aus- 
ländischen Angebot übertlügelt zu werden, lag aber vor, falls das deutsche Kunstgewerbe sich von der 
in England, Amerika und Frankreich in Fluss gekommenen Bewegung ausschliessen wollte. Diese prak- 
tische Frage war umso wichtiger, als in den heutigen Zeiten des materiellen Aufschwungs der künst- 
lerische Schmuck nicht nur zur Ausstattung der öffentlichen Gebäude und Schlösser, sondern auch für 
die grosse Masse der bürgerlichen Wohnungen verlangt wird. 
Sehen wir uns unter den neueren deutschen Leistungen auf dem Felde des Kunstgewerbes um, 
welche ausgesprochenermassen das Gepräge der neuen Richtung tragen, so finden wir bereits manches 
Beachtenswerte. Zu diesem gehörte eine Anzahl der auf der vorjährigen Berliner Kunstausstellung zur 
Ansicht gebrachten Möbel. Von dem Maler Rich. Riemerschmid war eine schöne Kredenz mit 
schmiedeeisernen Beschlägen vorhanden, von Paul Schultze-Naumburg ein grosser Lesetisch, von 
Pankok-itlünchen einige bequeme Stühle, von Petrasch ein Schrank von ungarischem Eschenholz, 
sämtlich das Bestreben zeigend, mit einfachen Mitteln eine künstlerische Wirkung hevorzubringen. 
Der Maler H. Ed. v. Berlepsch in München hatte eine Anzahl Möbel in etwas aufwändigerer Aus- 
stattung ausgestellt, künstlerisch fein gedacht, doch mehr in den Bereich der Luxusmöbel gehörend. 
Von dem letztgenannten Künstler enthielt schon die Münchener Ausstellung vom Jahre 1897 verschiedene 
Möbel, Schränke, einen Schreibtisch u. a., mitgeteilt in der Zeitschrift für deutsche Kunst und Deko- 
ration. Der Schreibtisch lässt den konstruktiven Zusammenbau aus Rahmen und Füllung deutlich her- 
vortreten, die Umrisse zeigen meist gerade Linien, die Füllungen sind durch zarte Reliefschnitzereien 
belebt, welche malerisch angeordnete und mit stumpfen Farben getönte Pfianzeninotive wiedergeben. 
Ein Tischchen von Kiefer und Delg, N ähtisch und Damenschreibtisch in sich vereinigend, ist gotisierend 
in moderner Auffassung. Ein Büffet von Rich. Riemerschmid geht auf die einfache Zimmermanns- 
art zurück und ist mit Eisenbändern ausgestattet. Ein Spiegelrahmen von Pankok zeigt Reliefs und 
Intarsien, zum Teil in japanisierender Zeichnung. Eine Truhe vom Bildhauer H. Obrist erscheint ein- 
fach in der Holzarbeit, ist aber mit schönen, frisch erfundenen Eisenbeschlägen geziert. 
Die Ergebnisse eines Wettbewerbs um Sitzmöbel in Nussbaumholz für ein bürgerliches Heim 
enthält ebenfalls die oben genannte Zeitschrift. Die Möbel von Schaubach in Mainz sind mit 
Durchbrechungen versehen, welche aus dem vollen Holz ausgeschnitten sind und an spätgotische Formen 
anklingen, plastische Schnitzereien sind ganz vermieden. Die Entwürfe von William Müller in Berlin 
zeigen konstruktiven Aufbau und einiges flache Schnitzwerk nach antikisierenden Motiven. Ähnlich den 
vorigen sind die Möbel von Michael in München, nur etwas kapriziös in der Linienführung. Albin 
Müller giebt Möbel in flüssigen Linien, geziert durch Flachornamente nach naturalistischen Pflanzenmotiven.
        

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