Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1857334
Moderne. 
storbenen William Morris. Es sind Kaminverkleidungen, Spiegel mit Wandbrettern u. a. Zu den 
Arbeiten, welche in einer gesuchten Einfachheit, unter dem Anscheine des Volksgemassen, eine rohe steife 
Zimmermannsarbeit vorführen, gehören dagegen die Möbel von M. H. Baillie Scott, die in der Form 
ohne Anmut, einzig mit einigen Kerbschnittverzierungen und rohen Eisenbeschlägen ausgestattet sind. Es 
zeigen sich plumpe, unbequeme Stühle, Gehäuse für Musikinstrumente, welche Küchenschränken gleichen u. a. 
Als Beispiel des Bessern bringt „Art et Deooration" eine von T ownsend entworfene Kamin- 
verkleidung aus geschnitztem Holz, an welcher die romanisierenden Säulen der Einfassung mit natura- 
listisch gebildeten Kapitellen aus Baumzweigen und Blättern versehen sind. Die in Kerbsehnitt verzierten 
Truhen, Bänke, Schränke und Spiegelrahmen von Willette (The Studio) entlehnen ihre Vorbilder den 
alten norwegischen Holzarbeiten. _Eine Anzahl Möbel und Bilderrahmen von Mabel de Grey sind 
aufwandvoller mit Intarsien geschmückt, welche Landschaften und Figuren darstellen, und fallen bereits 
in den Bereich der Luxusmöbel. 
Die englischen Möbel haben auch in Frankreich Nachahmung gefunden, wenn auch nur im 
beschränkten Kreise, da hier die historische nationale Renaissance feste Wurzeln geschlagen hat und 
sich den Neuerungen kräftig entgegenstellt. Englischer Art entsprechen die Möbel von Charles 
Plumet und Felix Aubert in Paris, von denen „The Studio" einige Stücke abbildet. Ein Schreibtisch, 
ein Hängeregal und ein Bücherschrank mit offenen Seitenteilen, sowie ein Theetisch zeigen die konstruk- 
tive Herleitung der Formen und sind ganz ohne geschnitzte Verzierungen geblieben. Die Möbel von 
Plumet und Selmersheim für ein Speisezimmer verraten ebenfalls den englischen Geschmack; die- 
selben erinnern im einzelnen an das Genre Uhippendale und in der Bildung der Stützenformen einiger- 
massen an Bambusstabe. Das Büffet wird von einem Glasschranke mit übereckgestellten Ausbauten 
überragt. Ein Wandschrank ist ähnlich dem vorigen aufgefasst, und der Kamin ist von offenen Regalen 
flankiert.  Ein Bücherschrank ivon Jean Dampt und Felix Aubert in Paris neigt sich wieder 
einigermassen der englischen Art zu, zeigt indes in den offenen Seitenteilen ziemlich willkürliche, keines- 
Wegs aus der Konstruktive hervorgegangene Formen. An einem Kinderstuhl, von Dampt entworfen 
Art et Decoration), sind die hohen Ausläufer der Rücklehne mit anmutigen Schnitzereien versehen, die- 
selben endigen in zwei Halbfiguren von Kindern, die sich umarmen. Ein Speisesaal mit Kaminaufsatz 
von Leon Benonville verwendet sowohl in der Teilung der Wandtäfelung wie in der Bildung des 
Kaminaufsatzes die aus dem Zimmerwerk hergeleiteten Konstruktionen. Die Möbel von Le Coeur und 
Bigeaux, ebenso die von Coblence sind im englischen Geschmack gehalten. Von Hans Christi- 
ansen aus Flensburg, jetzt in Paris, sind in "Deutsche Kunst und Dekoration" zwei Entwürfe zu Vor- 
platzmöbeln abgebildet, beide in Zimmerwerksart gehalten, mit Seitenbrettern, welche durch Ausschnei- 
dungen verziert sind. In derselben Art sind ein Banksofa mit Überbau ohne Schnitzerei und ein Kleider- 
und Wäscheschrank hergestellt; das letztere ist jedoch mit einiger Malerei geschmückt. 
Wenn man den englischen neueren Möbeln eine gewisse nationale Eigenheit, wenn auch mit 
einiger Einschränkung, zugestehen musste, so kann ein Gleiches von den deutschen Leistungen dieser Art 
vielleicht noch weniger wie von den französischen gesagt werden. Die deutschen Meister der neuen 
Richtung sind erst zum Teil aus dem Japanisieren und der Nachahmung des Englischen herausgekommen, 
obgleich andererseits wenigstens Anfänge des Besseren vorhanden sind, welche sich dann aber stets an 
ältere Muster anlehnen. Vielleicht sucht man bei uns die Originalität allzu ausschliesslich im Gegen- 
satze zu den seit- den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts mit Nachdruck erhobenen Forderungen nach 
einer nationalen Richtung in der Kunst, weil diese selbstverständlich zwischen den Formen der Gotik, der 
Deutschrenaissance, dem Barock und dem Rokoko schwanken musste. Namentlich ging durch die Wieder- 
aufnahme des Barocks die Einfachheit verloren, und es ergab sich ein üppiges und zum Teil sinnloses 
Spielen mit Profilierungen, Masken, Figuren und dergleichen. Man konnte nun wohl den Vorsatz fassen,
        

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